Elche: Mythos auf wackligen Beinen



Die GEO-Reportage über Elche von Dieter Schweiger

Einst waren die Elche in Schweden die grauen Eminenzen der Wälder - und jetzt sollen die Riesenhirsche nichts als ein Verkehrsproblem sein?

Der erste Elch, für den mein Herz geschlagen hat, war einer mit schlottrigen Beinen. Er hieß Graufell und lebte irgendwo in den undurchdringlichen Wäldern von Södermanland. Er besaß einen Charakter, von dem sich manche Menschen eine Scheibe abschneiden könnten. Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen: Eines Tages brach in Graufells Heimat eine scheußliche Raupenplage aus. Das Insektenvolk drohte alles ratzekahl zu fressen - falls der junge Elch nicht in die Verbannung geschickt würde. Denn angeblich hatte Graufell eine Natter zertreten, die die Raupen jetzt rächen sollten. Die Sache mit der Schlange war zwar mehr als ominös. Und wenn der Elch sie überhaupt getötet hatte, dann höchstens aus Versehen. Aber Graufell zog, um seinen Wald zu retten, schweren Herzens ins Exil nach Norden, obwohl es dort Wölfe gab und Wilderer, die ihm garantiert ans Leder wollten. Okay, das ist eine Geschichte aus der "Wunderbaren Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen". Und man sollte Märchen nicht alles glauben, besonders nicht die Moral, die sie einem verkaufen wollen. Aber ein Funken Wahrheit steckt oft in ihnen. Die Wahrheit in Graufells Episode ist, daß vor 90 Jahren, als Selma Lagerlöf das Buch schrieb, Elche noch einen fabelhaften Ruf genossen: als mythische Tiere, als die grauen Eminenzen der Wälder während man sie heute vor allem als "Älgkalops", als Gulasch, schätzt.



Zur Zeit leben in Schweden schätzungsweise 250.000 Elche. Das sind viele, viel mehr als zu Graufells Zeiten. Die Leute aus der Wissenschaft haben dafür eine seltsame Erklärung. Sie glauben, daß die Holzindustrie mit ihren brachialen Methoden den Elchbestand hochgepäppelt hat. Auf den riesigen Kahlschlägen wachsen zuerst Birken, Weiden, Espen und Himbeersträucher, die mit ihrem Eiweiß für die Riesenhirsche ein gefundenes Fressen darstellen. Wenn diese Theorie nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, wäre der Elch eines der wenigen Wildtiere, das sich nicht nur in den Stürmen der Zivilisation behauptet hätte, sondern daraus sogar einen Profit ziehen konnte. Meine Freunde in Stockholm finden das allerdings nicht halb so bewundernswert wie ich. Sie arbeiten als Computerfritzen oder in den Medien und nennen sich urban. Mit der Naturmystik einer Selma Lagerlöf können sie wenig anfangen, falls sie überhaupt in ihren Büchern gelesen haben. Und die vielen Elche im Land empfinden sie als Landplage. Sie ärgern sich, wenn ihre Langlaufloipen von den bratpfannengroßen Tritten durchlöchert sind. Sie regen sich künstlich auf, wenn sich ein "Stangler" in die Hauptstadt verirrt und der Feierabendverkehr zusammenbricht. Und wenn sie mit dem Auto ins Landhäuschen fahren, fürchten sie dauernd, daß so ein 400 Kilo schweres Monster mit dem Geweih voraus durch die Windschutzscheibe fliegt. Fünf Prozent der schweren Verkehrsunfälle in Schweden sollen inzwischen aus einer Kollision mit Elchen resultieren.



Und das erklärt die mythischen Erzählungen, die man heutzutage den Elchen anhängt: Da ist die Rede von einem Tier, das seit Millionen von Jahren in der Weltgeschichte herumspaziert und jetzt nichts weiter als ein dummes Verkehrsproblem sein soll. Ich sehe natürlich ein, daß der Elch nicht gerade zu der Sorte Tiere zählt, in die man sich spontan verliebt. Elche sind alles andere als schön. Der Tierpublizist Kurt Floericke hält sie für ein mißglücktes Experiment der Natur, bei dem sich "Pferdeschädel, Schweinsaugen, Eselsohren und Kamelbuckel" extrem unvorteilhaft mischen. Solange sie etwas zu fressen finden, können die phlegmatischen Schaufler den ganzen Tag in einem Radius von 20 Metern verbringen. Außerdem entsprechen Elche auch nicht unserem Ideal von glücklicher Familie. Kaum ist die Zeugung vorbei, trollen sich die Hirsche, ohne die Kuh eines Blickes zu würdigen, geschweige denn, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Ich könnte diese Aufzählung fortsetzen, etwa mit der Angewohnheit von Elchen, in eine selbstgescharrte Grube zu pinkeln und sich darin zu wälzen, bis sie zum Himmel stinken. Aber ich will ja auf etwas anderes hinaus - auf das Phänomen, daß sich unsere Phantasie weniger an schönen, fleißigen und geselligen Tieren entzündet als an den im wahrsten Sinn des Wortes "merkwürdigen".



Glauben Sie etwa, in Schweden würden unzählige Straßenschilder als Souvenir geklaut, wenn darauf ein hübsches Reh abgebildet wäre und nicht der Elch? Und denken Sie wirklich, Horst Kühne, ein gebürtiger Deutscher, könnte oben an der norwegischen Grenze tausendfach getrocknete Kacke in Marmeladengläsern an Touristen verkaufen, wenn sie vom fleißigen Biber stammte und nicht vom Elch? Ich glaube das nicht. Ich denke im Gegenteil, daß das Elentier Menschen immer noch irgendwie faszinieren kann - durch seine urzeitliche Gestalt und seine Aura, die dunkel und geheimnisvoll ist wie der Norden selbst. Jeden Herbst lassen sich auch viele Schweden wieder von den Riesenhirschen in den Bann ziehen. Weit über 200000 Jäger gehen dann auf die Pirsch - vom Waldarbeiter bis zum König. Und es ist erstaunlich, wie in ihnen das Jagdfieber der alten Wikinger entflammt, obwohl die Waidmänner heute mit Walkie-Talkie und Hubschrauber ausgestattet sind.



Die Abschusszahlen sind gigantisch. Etwa 100.000 Tiere dürfen pro Saison geschossen werden, 9500 Tonnen Fleisch wandern in die Kühltruhen. Ich habe zwar strenge Prinzipien, was Tiere und ihr Recht auf Leben angeht. Aber die Strecke scheint auch aus ökologischen Gründen nötig zu sein, damit die Elche nicht den ganzen Jungwald kahlfressen. In grauer Vorzeit glaubte man, Elche schliefen nicht im Liegen, sondern an Bäume gelehnt. Man müßte den Baum fällen und auf das Tier fallen lassen, um es zu töten. Tatsächlich ist die Jagd noch viel komplizierter. Denn Elche sind klüger, als man glaubt, und Weltmeister im Tarnen und Täuschen. So mancher "Stangler" hat sich durch die Phalanx der Treiber gedrückt, ohne gesehen zu werden. Aber die wohl mit Abstand verrückteste Geschichte hat vorletzte Saison ein Jäger aus Dalarna erlebt, Kurt Östlund. Als sich Kurt einem "erlegten" Elch nähern wollte, sprang das Tier plötzlich auf, schnappte sich Gewehr, Funkgerät und verschwand. Sein Gewehr fand Kurt später, kaputt. Das Funkgerät lag daneben. Doch seine Jagdfreunde konnte er damit nicht rufen - der Elch hatte die Frequenz verstellt. Ist vermutlich Jägerlatein. Und man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Aber ein Funken Wahrheit steckt oft sogar in Jägerlatein. Und die Wahrheit an Östlunds Story ist, daß es da wieder einen Elch gibt, für den mein Herz geschlagen hat.

 




Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 17.12.2008