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Es gibt nicht viele Menschen, denen es gelingt, einen ausgewachsenen Elch zu
bezwingen. Alaskas "Elch-Flüsterer" Rick Sinnott jedoch hat sowohl den Mut als
auch den Grips dazu. In Anchorage ist beides nicht gerade selten gefordert, da
die rund 500 Kilogramm schweren Tiere aus den umliegenden Wäldern häufige und
eher ungebetene Gäste in dem kleinen Küstenstädtchen sind. Die Elche haben
anscheinend auch eine besondere Neigung, in Schwierigkeiten zu geraten: Mal
verhaken sie sich mit ihrem Geweih in Weihnachtslichterketten, mal brechen sie
im Eis ein, stecken im Moor fest oder finden nicht mehr aus den engen Straßen
heraus.
Nähern sich ihnen dann Menschen, geraten sie in Panik und
greifen an. "Sie sind die gefährlichsten Tiere in der Stadt", sagt Sinnott.
Grizzlybären, Wölfe, Füchse und Kojoten würden viel seltener Menschen
attackieren. Jedes Jahr müssten rund ein halbes Dutzend durch Elchattacken
schwer verletzte Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden, erzählt Sinnott.
Ein älterer Mann wurde attackiert, als ein Elch den Zugang zu seinem
Swimmingpool versperrte. Eine Frau wurde in ihrem Hof
niedergetrampelt.
Zur Verhinderung solcher Vorfälle wird Sinnott geholt.
Der Biologe und Mitarbeiter der Wildtier- und Fischereibehörde weigert sich
jedoch strikt, die Tiere mit Betäubungsmitteln ruhig zu stellen. Zum einen aus
Kostengründen - ein Schuss mit dem Betäubungsgewehr kostet den Staat rund 220
bis 300 Euro, zum anderen, um den Tieren nicht zu schaden. Seine Methoden seien
harmloser: "Manchmal gelingt es, ein Lasso um ein Hinterbein werfen, sie zu
Boden zu bringen, auf sie zu springen und ihnen auf den Kopf zu hauen." Oder er
versuche, ihre Augen zu bedecken. "Dann werden sie viel ruhiger und hören auf zu
kämpfen", sagt Sinnott. Aber häufig genug klappe das alles nicht und die Tiere
griffen an.
Einmal ist Sinnott selbst Opfer der Elche geworden. Er habe
versucht, einem Jungtier, das sich in einer Hecke verfangen hatte, zu helfen.
Zwar habe er sich gedacht, dass die Mutter in der Nähe sei, aber ihr Huftritt
kam zu schnell - und sehr heftig. "Ich habe Sterne gesehen."
Viele
Zwischenfälle mit den Tieren laufen jedoch eher glimpflich ab. In etlichen der
ungefähr 500 Beschwerdeanrufe, die er jährlich bekomme, gehe es darum, dass die
Elche kostbare Pflanzendekorationen abkauten. "Im Mai, Juni und Juli sind die
Leute verängstigt, weil vielfach Elchkühe mit ihrem Nachwuchs im Hof herumstehen
und angreifen, wenn sich Menschen nähern", erzählt Sinnott. Auf solche Anrufe
reagiere er nicht, weil er die Kühe nur von einem Hof zum anderen jagen
könne.
Nicht jeder ließe sich jedoch mit dieser Erklärung abwimmeln. Dann
sage er den Anrufern, er könne nichts tun, außer die Tiere zu erschießen. Das
wollten viele Bürger dann auch nicht. In Fällen wirklicher Lebensgefahr hätten
die Bewohner von Anchorage allerdings das Recht, die Elche zu töten. Sinnott
macht nur in äußersten Notfällen davon Gebrauch. Er sei nicht sehr hartgesotten
im Töten von Tieren. Die Entsorgung der Tierkadaver übernimmt er dennoch. Das
Elchfleisch spendet er wohltätigen Zwecken. Rund 400 Pfund Fleisch bringt ein
großes Tier auf die Waage. Genug, um eine vierköpfige Familie über den Winter zu
bringen.
Trotz der häufigen Anrufe sind die meisten Bewohner von
Anchorage glücklich über die Elche und anderen Tiere in der Stadt. Vor zehn
Jahren äußerten drei Viertel der Bürger in einer Umfrage die Ansicht, sie hätten
genau die richtige Zahl von Bären und Elchen in der Stadt. Für Sinnott ist
Anchorage denn auch ein gelungenes Beispiel für die Eingliederung der Wildnis in
das Stadtleben.
"Viele Menschen haben die Vorstellung, dass die Städte
für Menschen sind und die Natur für wilde Tiere." Aber da sich Städte und
Farmland weiter ausdehnten und Grünflächen seltener würden, bliebe immer weniger
Raum für wild lebende Tiere. "Das könnte eine ganz schön armselige Welt werden",
meint Sinnott.