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In Wilmersdorf gibt es jetzt ein Geschäft für die schwedischen Momente im
Leben
Das mit dem Elch muß jetzt doch noch mal geklärt werden. Was finden
die Deutschen bloß an diesem tapsigen Tier mit dem Geweih, das aussieht wie ein
angenagter Leibniz-Keks? Warum kaufen sie so gern Topflappen, Schürzen, Gläser,
Decken mit einem Elch drauf oder dröge dreinblickende Stoffelche? Oder
Holzelche, mit denen man sich den Rücken massieren kann? Warum schrauben
Deutsche in Schweden sogar Warnschilder ab, bloß weil da ein Elch drauf ist und
stellen sie zu Hause in den Garten? Also noch einmal, warum mögen die Deutschen
den Elch? "Ich weiß es nicht", sagt Ingemar Larsson.
Schade. Denn
eigentlich ist Larsson ein Fachmann in solchen Dingen. Er ist Schwede und so
eine Art Elchhändler in Berlin. Mindestens ein Viertel des Sortiments in seinem
kleinen, schönen Ladens in Wilmersdorf dreht sich um den Elch. Also denkt
Larrson noch einmal nach: "Der Elch bewegt sich wie in Zeitlupe und das ist
wahnsinnig schön."
Und da kommt dann wieder alles zusammen: der Elch,
Schweden und die Liebe der Deutschen zu beiden. Dort im Norden geht nämlich
alles ruhiger vonstatten. Deshalb fahren so viele von uns Deutschen im Sommer
gern hin, es gibt derart viel Natur, daß die Menschen dort gar nicht auffallen.
Und das Leben ist wie der Gang des Elchs. Ganz langsam. Wir deutsche Hektiker
lassen uns hineinfallen, wie in ein warmes, kuscheliges Bett. Am Anfang kann es
den Deutschen Autofahrer zwar zur Weißglut treiben, daß man auf den wenigen
schwedischen Autobahnen nur maximal 110 Stundenkilometer fahren darf, aber
irgendwann läßt auch er sich von den Verkehrsregeln einlullen. Nur wehe, wenn
ein Schwede ein teures deutsches Fabrikat unter dem Hintern hat, dann hält sich
kein Einheimischer mehr an die Verkehrsregeln.
Man kann in Schweden
stundenlang aufs Meer schauen, ohne daß einen jemand stört. Und so freundlich
wie die Natur sind die Schweden selber, wenn sie einen mit "Hej då" begrüßen.
Schweden ist ein wunderbares Stück auf einer Freilichtbühne und im Sommer dürfen
immer ein paar Statisten aus Deutschland mitspielen.
Wenn die Deutschen
dann wieder nach Hause fahren, nehmen sie gern noch allerlei mit. Vor allem
schwedische Marmelade, schwedische Kekse, schwedischen Sirup oder schwedische
Lakritzstangen, ja, sie haben schon leckere süße Sachen dort oben. Und wenn wir
dann den letzten Blick auf die blaugelbe schwedische Fahne geworfen und zu Hause
den letzten Keks verspeist haben, gieren wir wieder dem nächsten Sommer
entgegen.
Und dann erblickt man plötzlich an einem naßkalten Herbsttag in
Berlin-Wilmersdorf an der Ecke Güntzelstraße und Holsteinische Straße zwei
kleine blaugelbe, schwedische Fahnen. Für einen Moment durchrieselt einen ein
warmes Gefühl von sommerlicher Heimeligkeit. Durch das Schaufenster entdeckt man
all die vielen Leckereien, die man irgendwann schon einmal auf den Märkten und
in den Kaufhäusern im Norden erstanden hat, und schon ist man
drinnen.
Alles ist hier fein ausgesucht, Larsson holt sich bewußt seine
Waren von kleinen Unternehmen in Schweden. Er, der doch selbst ein kleines
Geschäft hat, will auf Augenhöhe verhandeln. Es gibt die Pfefferkuchenkekse, den
Fliederbeersirup, die Stachelbeerkonfitüre, aber auch ganz Spezielles wie zum
Beispiel Rote-Zwiebel-Marmelade. Im Kühlregal findet sich neben Elchsalami und
Opas Branntweinkäse (14 Monate gereift) auch der Surströmming, nur etwas für
hartgesottene Schwedenfans. Ein eingelegter und gärender Ostseehering, der beim
Öffnen der Dose entsetzlich stinkt. Für Schweden ist das ein herrlicher Duft.
Trotzdem öffnen sie die Dosen lieber unter freiem Himmel.
In den Regalen
finden sich auch die schwedischen Holzschuhe, schwedische Glaskunst und die
archaische schwedische Form des Boccia-Spiels, das Kubb. Es gibt die rotweißen
Dalapferde, wie sie einst Waldarbeiter an langen Winterabenden in ihren Stuben
geschnitzt haben.
Vor erst knapp zwei Wochen hat das deutsch-schwedische
Paar Gerlinde Stahl und Ingemar Larsson den Laden geöffnet. Sie war früher
Maklerin, er Bauleiter bei einer schwedischen Holzfirma. Sie, das merkt man
schnell, schwärmt ein bißchen mehr von den Schweden, er steht den Deutschen ein
bißchen kritisch gegenüber. "In Schweden", sagt sie, "überlegt man mehr, was man
sagt." Er überlegt und sagt: "In Schweden spricht man mehr miteinander, in
Deutschland spricht man mehr zueinander. Hier wird man immer wieder durch eine
neue Frage unterbrochen." Na, da haben wir ja wieder was gelernt.
Mit
Ingemar Larsson gehen wir nun noch einmal zu der Elchseite seines Ladens, zu den
Stofftieren. In seiner Kindheit, erzählt er, habe er einmal 15 Elche gesehen.
Die kamen in den Garten und fraßen dort die Äpfel von den Bäumen. Ein sehr
seltener Anblick. "Denn eigentlich", sagt Larsson fast zärtlich, "sind Elche
sehr scheu." Und für einen Augenblick wirkt der Schwede dabei selbst sehr scheu.
Schweden-Shoppa, Holsteinische Straße. 19. Öffnungszeiten: montags bis
freitags außer mittwochs 10 bis 19 Uhr, sonnabends 9 bis 14
Uhr.