30.10. - Der Laden mit dem Elch

gesehen auf http://morgenpost.berlin1.de

In Wilmersdorf gibt es jetzt ein Geschäft für die schwedischen Momente im Leben

Das mit dem Elch muß jetzt doch noch mal geklärt werden. Was finden die Deutschen bloß an diesem tapsigen Tier mit dem Geweih, das aussieht wie ein angenagter Leibniz-Keks? Warum kaufen sie so gern Topflappen, Schürzen, Gläser, Decken mit einem Elch drauf oder dröge dreinblickende Stoffelche? Oder Holzelche, mit denen man sich den Rücken massieren kann? Warum schrauben Deutsche in Schweden sogar Warnschilder ab, bloß weil da ein Elch drauf ist und stellen sie zu Hause in den Garten? Also noch einmal, warum mögen die Deutschen den Elch? "Ich weiß es nicht", sagt Ingemar Larsson.

Schade. Denn eigentlich ist Larsson ein Fachmann in solchen Dingen. Er ist Schwede und so eine Art Elchhändler in Berlin. Mindestens ein Viertel des Sortiments in seinem kleinen, schönen Ladens in Wilmersdorf dreht sich um den Elch. Also denkt Larrson noch einmal nach: "Der Elch bewegt sich wie in Zeitlupe und das ist wahnsinnig schön."

Und da kommt dann wieder alles zusammen: der Elch, Schweden und die Liebe der Deutschen zu beiden. Dort im Norden geht nämlich alles ruhiger vonstatten. Deshalb fahren so viele von uns Deutschen im Sommer gern hin, es gibt derart viel Natur, daß die Menschen dort gar nicht auffallen. Und das Leben ist wie der Gang des Elchs. Ganz langsam. Wir deutsche Hektiker lassen uns hineinfallen, wie in ein warmes, kuscheliges Bett. Am Anfang kann es den Deutschen Autofahrer zwar zur Weißglut treiben, daß man auf den wenigen schwedischen Autobahnen nur maximal 110 Stundenkilometer fahren darf, aber irgendwann läßt auch er sich von den Verkehrsregeln einlullen. Nur wehe, wenn ein Schwede ein teures deutsches Fabrikat unter dem Hintern hat, dann hält sich kein Einheimischer mehr an die Verkehrsregeln.

Man kann in Schweden stundenlang aufs Meer schauen, ohne daß einen jemand stört. Und so freundlich wie die Natur sind die Schweden selber, wenn sie einen mit "Hej då" begrüßen. Schweden ist ein wunderbares Stück auf einer Freilichtbühne und im Sommer dürfen immer ein paar Statisten aus Deutschland mitspielen.

Wenn die Deutschen dann wieder nach Hause fahren, nehmen sie gern noch allerlei mit. Vor allem schwedische Marmelade, schwedische Kekse, schwedischen Sirup oder schwedische Lakritzstangen, ja, sie haben schon leckere süße Sachen dort oben. Und wenn wir dann den letzten Blick auf die blaugelbe schwedische Fahne geworfen und zu Hause den letzten Keks verspeist haben, gieren wir wieder dem nächsten Sommer entgegen.

Und dann erblickt man plötzlich an einem naßkalten Herbsttag in Berlin-Wilmersdorf an der Ecke Güntzelstraße und Holsteinische Straße zwei kleine blaugelbe, schwedische Fahnen. Für einen Moment durchrieselt einen ein warmes Gefühl von sommerlicher Heimeligkeit. Durch das Schaufenster entdeckt man all die vielen Leckereien, die man irgendwann schon einmal auf den Märkten und in den Kaufhäusern im Norden erstanden hat, und schon ist man drinnen.

Alles ist hier fein ausgesucht, Larsson holt sich bewußt seine Waren von kleinen Unternehmen in Schweden. Er, der doch selbst ein kleines Geschäft hat, will auf Augenhöhe verhandeln. Es gibt die Pfefferkuchenkekse, den Fliederbeersirup, die Stachelbeerkonfitüre, aber auch ganz Spezielles wie zum Beispiel Rote-Zwiebel-Marmelade. Im Kühlregal findet sich neben Elchsalami und Opas Branntweinkäse (14 Monate gereift) auch der Surströmming, nur etwas für hartgesottene Schwedenfans. Ein eingelegter und gärender Ostseehering, der beim Öffnen der Dose entsetzlich stinkt. Für Schweden ist das ein herrlicher Duft. Trotzdem öffnen sie die Dosen lieber unter freiem Himmel.

In den Regalen finden sich auch die schwedischen Holzschuhe, schwedische Glaskunst und die archaische schwedische Form des Boccia-Spiels, das Kubb. Es gibt die rotweißen Dalapferde, wie sie einst Waldarbeiter an langen Winterabenden in ihren Stuben geschnitzt haben.

Vor erst knapp zwei Wochen hat das deutsch-schwedische Paar Gerlinde Stahl und Ingemar Larsson den Laden geöffnet. Sie war früher Maklerin, er Bauleiter bei einer schwedischen Holzfirma. Sie, das merkt man schnell, schwärmt ein bißchen mehr von den Schweden, er steht den Deutschen ein bißchen kritisch gegenüber. "In Schweden", sagt sie, "überlegt man mehr, was man sagt." Er überlegt und sagt: "In Schweden spricht man mehr miteinander, in Deutschland spricht man mehr zueinander. Hier wird man immer wieder durch eine neue Frage unterbrochen." Na, da haben wir ja wieder was gelernt.

Mit Ingemar Larsson gehen wir nun noch einmal zu der Elchseite seines Ladens, zu den Stofftieren. In seiner Kindheit, erzählt er, habe er einmal 15 Elche gesehen. Die kamen in den Garten und fraßen dort die Äpfel von den Bäumen. Ein sehr seltener Anblick. "Denn eigentlich", sagt Larsson fast zärtlich, "sind Elche sehr scheu." Und für einen Augenblick wirkt der Schwede dabei selbst sehr scheu.

Schweden-Shoppa, Holsteinische Straße. 19. Öffnungszeiten: montags bis freitags außer mittwochs 10 bis 19 Uhr, sonnabends 9 bis 14 Uhr.





Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 17.12.2008