gesehen auf www.umweltjournal.de
Köln, 29.06.2006: Interview mit Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes
für Naturschutz, zur Rückkehr großer Wildtiere wie Bär, Wolf, Luchs und Elch
nach Deutschland
“Ohne Akzeptanz in der Bevölkerung haben große
Wildtiere keine Chance”
Prof. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamts
für Naturschutz, ist der oberste Artenschützer der Republik. Torsten Schäfer
sprach mit ihm über die Rückkehr von Bär, Wolf und Elch nach Deutschland und die
künftigen Herausforderungen im Wildtiermanagement.
Wochenlang hat Bär
Bruno Deutschland beschäftigt, nun kam das traurige Ende. Werden weitere Bären
folgen, sodass der Braunbär in Deutschland wieder heimisch wird?
Es gab
ja bereits vor der Ankunft des Bären einzelne Braunbärbeobachtungen in
Österreich, auch kurz hinter der deutschen Grenze. Das Bundesamt für Unter
Naturschutz versteht man alle Maßnahmen zum Erhalt und zur Förderung von
wildlebenden Arten (Pflanzen und Tiere), ihrer Lebensgemeinschaften und
natürlicher Lebensgrundlagen sowie zur Sicherung von Landschaften unter
natürlichen Bedingungen.Naturschutz ist der Auffassung, dass störungsarme
Rückzugsräume in den deutschen Höchstes Gebirge in Europa, mit einer Fläche von
220.000 Quadratkilometer. Die A. sind als Wasserspeicher, Klimaregulator,
ökologische Nische und als Erholungsgebiet eines der ökologisch wichtigsten
Gebiete in Europa.Alpen nur begrenzt vorhanden sind. Deswegen ist es ungewiss,
ob sich der Braunbär hier wirklich etablieren kann. Das müsste durch die
Entwicklung eines Bärenmanagements in den Alpen untersucht werden.
Neben
dem Bär kehren andere große Wildtiere nach Deutschland zurück. Man hört z.B. von
ersten Elchen.
Es gibt immer wieder Beobachtungen aus
Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Wir halten eine dauerhafte Etablierung
durchaus für realistisch, weil diese Regionen ausreichend groß und gewässerreich
sind und große verkehrsarme Räume haben, die der Elch braucht.
Wo gibt
es überhaupt noch genug Platz für größere Wildtiere in Deutschland?
Lebensraum für größere Wildtiere gibt es eigentlich nur in
Ostdeutschland und vielleicht noch in Bayern, weil es hier noch große
unzerschnittene Gebiete gibt.
Wolf, Luchs, Elch, Biber, Fischotter, und
nun der Bär – alle diese Arten tauchen langsam wieder auf. Was sind Gründe für
diese Entwicklung?
Wir müssen den Menschen ein Kompliment machen: Die
Umweltbedingungen sind besser geworden. Artenschutzprojekte, die Verbesserung
der Wasserqualität und die Regulierung der Jagd haben dazu beigetragen, dass
sich größere Wildtiere wieder ansiedeln. Biber, Wildkatze und Fischotter waren
ja nie ganz ausgestorben, wohl aber bis auf kleine Restbestände zurückgegangen.
Jetzt breiten sie sich wieder aus. Der Fischotter hat in einzelnen Regionen
zugenommen, wodurch zu starke Bestände von Bisamratte und Schermaus eingedämmt
werden. Beim Luchs gibt es positive Entwicklungen. Und wir haben einen kleinen
Wolfsbestand in Sachsen.
Wie viele Wölfe leben zurzeit in
Deutschland?
Zurzeit kann man von sechzehn Tieren ausgehen. Die Anzeichen
für eine Vermehrung sind positiv. Auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
wurden immer wieder vereinzelt Wölfe beobachtet. Die genaue Zahl ist nicht
bekannt, da sich Wölfe schwer beobachten und zählen lassen.
Die Ankunft
von Bär und Wolf hat die Gemüter erhitzt. Sind wir auf die Rückkehr solch großer
Wildtiere ausreichend vorbereitet ?
Bei Wolf und Bär sind durchaus noch
Ängste in der Gesellschaft vorhanden. Beim Luchs dürfte das nur selten der Fall
sein. Andere Arten sind in dieser Hinsicht unproblematisch. Es wird aber viel
getan, um die Deutschen auf die Rückkehr vorzubereiten: Bayern hat
Biberbeauftragte. Nationalparke informieren gezielt über den Luchs. Sachsen hat
ein Wolfsbüro eingerichtet. Und das Abkürzung für Bundesamt für Naturschutz,
siehe StichwortBfN entwickelt ein Konzept für das Wolfsmanagement in
Deutschland. Diese Schritte sind nötig, um Konflikte zwischen Mensch und Tier zu
begrenzen. Wir müssen jetzt Konzepte für die Rückkehr der Großsäuger entwickeln.
Dazu gehört, die Bevölkerung darauf vorzubereiten. Nur wenn die Akzeptanz da
ist, haben Arten wie Luchs und Wolf auf Dauer eine Zukunft in
Deutschland.
Gibt es bereits Konzepte für die Rückkehr größerer
Raubtiere?
Wir können eine Menge aus der Schweiz lernen, wo Schäden
durch den Luchs ersetzt werden. Hier gibt es auch vorbeugende Managementpläne in
Luchsgebieten, die gezielt auf die Sorgen in der Bevölkerung ausgerichtet sind.
Und die Schweiz hat ein spezielles Ausbildungsprogramm für Hütehunde entwickelt,
die Schafe vor Wolfsattacken schützen sollen. Auch von Schweden und Rumänien
können wir im Wildtiermanagement einiges lernen.
Welche Strategie
braucht Deutschland?
Ohne die Vernetzung der Lebensräume haben Großsäuger
auf Dauer keine Chance. Unsere Wolfspopulation in Sachsen wird sich nicht
halten, wenn sie von anderen Wolfsvorkommen abgeschnitten ist. Deshalb arbeiten
wir mit Polen an einem Wolfsmanagement. Wir planen sichere Korridore, die einen
Austausch zwischen deutschen und polnischen Wölfen möglich machen. Auch in Polen
müssen Korridore entstehen. Wie in Deutschland werden hier die Wanderwege
größerer Wildtiere immer stärker von Straßen und Autobahnen zerschnitten.
Das Hauptproblem ist also die Zerschneidung der Lebensräume. Was kann
man dagegen tun?
Wo Straßen gebaut werden oder schon bestehen, müssen
wir mit geeigneten Querungshilfen arbeiten, z.B. Grünbrücken für Wildtiere. Im
Saarland und in Nordrhein-Westfalen gibt es an Autobahnen Stellen, wo solche
Brücken dringend gebraucht werden. Es geht neben den Wandermöglichkeiten ja auch
darum, die vielen Tierunfälle, durch die ja häufig auch Menschen zu Schaden
kommen, zu vermeiden. Länder wie Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern,
Schleswig-Holstein und Bayern leisten hier bereits eine gute Arbeit. Wieder ist
die Schweiz ein Vorbild. Hier gibt es zahlreiche Grünbrücken.
Sollte man
die Rückkehr der Wildtiere begleiten, indem man sie aktiv ansiedelt?
Das
Bundesamt für Unter Naturschutz versteht man alle Maßnahmen zum Erhalt und zur
Förderung von wildlebenden Arten (Pflanzen und Tiere), ihrer
Lebensgemeinschaften und natürlicher Lebensgrundlagen sowie zur Sicherung von
Landschaften unter natürlichen Bedingungen.Naturschutz ist nicht für eine aktive
Wiederansiedlung. Projekte wie beim Luchs im Harz sollten die Ausnahme bleiben.
Was nützt die Wiederansiedlung, wenn der Lebensraum nicht stimmt? Wir sind
dafür, Lebensräume wieder so zu gestalten, dass Tiere wie Wolf und Luchs auf
natürliche Weise zurückkehren. Vor allem ihre Raumansprüche müssen erfüllt
werden.