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Der Schnee ist blutgetränkt: Ein Rudel Wölfe macht sich über
eine Elchkuh her. Sie haben sich ein schwaches Opfer ausgesucht.
Einer biss das Tier in die Schnauze, zwei in die Seite und ein Wolf
sprang es von hinten an. Nun haben die Wölfe wieder einige Tage
genügend zu fressen. Die Symbiose der Raubtiere mit den Elchen im
Nationalpark Isle Royale im US-Staat Michigan funktioniert seit
Jahrzehnten, doch jetzt wird sie von den Auswirkungen des globalen
Klimawandels bedroht.
John Vucetich von der Universität Michigan sieht den Wölfen aus dem
Beobachtungsflugzeug zu. Wild reißen die Tiere an der Elchkuh,
freuen sich nach mehreren Tagen wieder eine gute Beute gemacht zu
haben. «Sie werden fett und glücklich sein», sagte Vucetich
lachend. Den Höhepunkt des immer wieder kehrenden Dramas von
Fressen und Gefressenwerden hat er bereits hunderte Male
beobachtet.
Die Symbiose zwischen beiden Tierarten auf der rund 72 Kilometer
langen Insel im Norden der USA wird von Forschern seit über 50
Jahren genau dokumentiert. «Es ist die bekannteste Wolfs-Studie der
Welt», sagte Douglas Smith, ein früherer Mitarbeiter des Projekts,
der inzwischen die Erforschung der Wölfe im
Yellowstone-Nationalpark leitet.
Durchschnittstemperaturen in Rekordhöhe
Das Zusammenleben der Tierarten ist jedoch in Gefahr. In den
vergangenen Jahren sind die Durchschnittstemperaturen auf
Höchststände gestiegen und die Zahl der Elche und Wölfe ist
gleichzeitig stark zurückgegangen. Die Forscher befürchten, dass
die weltweite Klimaerwärmung ein seit hundert Jahren
funktionierendes Gleichgewicht zerstören könnte.
Um das Jahr 1900 gelang es einigen Elchen erstmals von Ontario aus
kommend, durch den Lake Superior auf die 24 Kilometer weit
entfernte Insel zu schwimmen. Dort hatten die Tiere keine
natürlichen Feinde und vermehrten sich rasant. Mitte des
Jahrhunderts verendeten zahlreiche Tiere, da die Wälder überweidet
waren. Doch in einem besonders strengen Winter kam «Abhilfe»: Ein
Wolfspaar schaffte es, über den zugefrorenen See auf die Insel zu
kommen.
Seither hat sich ein dynamisches Gleichgewicht eingestellt: Wenn es
wenig Wölfe gab, waren die Elche so zahlreich, dass sie weniger zu
fressen hatten und schwächer wurden. Damit wurden sie eine
leichtere Beute der Wölfe, deren Zahl dann wieder stieg. Sobald die
Elche weniger wurden, hatten die Wölfe weniger zu fressen und
nahmen in ihrer Zahl wieder ab – ein Kreislauf.
Verhaltensänderungen festgestellt
Doch 2007 fiel die Zahl der Elche auf den niedrigsten Stand seit
über 50 Jahren: Die Forscher konnten nur noch 385 Tiere zählen.
Anstatt wie im Vorjahr 30 Wölfe fanden sie nur 21. Und die Tiere
verhielten sich immer seltsamer. Die Elche müssen sich im Sommer
normalerweise Vorräte für den Winter anfressen, doch stattdessen
fanden die Forscher die Tiere beim Waten im Seewasser oder beim
Ausruhen im Schatten. Die Wölfe haben sich indes immer wieder
Zeltplätzen genähert, obwohl sie instinktiv Menschen meiden
sollten.
Weniger Elche bedeuten bald auch weniger Wölfe und so weiter – ob
es beide Arten auf der Insel noch in fünfzig Jahren geben wird,
wagt kein Forscher zu wetten. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl
der Elche wieder deutlich erhöht, aber es bleibt unklar, wie die
Tiere die höheren Temperaturen vertragen. Der Biologe Rolf Peterson
sammelt im Wald Skelettreste eines Elchs ein. Er will sie im Labor
analysieren. Seit den 1970er Jahren beobachtet er das Gleichgewicht
zwischen Räubern und Beutetieren schon. «Kürzlich hat man mich bei
einem Gespräch vorgestellt und gesagt, 'der wird hier draußen
sterben'», witzelte der emeritierte Professor der Universität
Michigan.
Genügsam und wählerisch
Den Wissenschaftlern ist es zu verdanken, dass sich das Image der
Wölfe vom bestialischen Raubtier gewandelt hat – in der Tat sind
die Räuber eher genügsam und wählerisch. «Die Menschen hatten
Unrecht, als sie die Wölfe zum Inbegriff des Bösen gemacht haben»,
sagt Vucetich. Man dürfe sie aber auch nicht zu braven Symbolen der
unberührten Wildnis überhöhen, meint der Experte. «Es gibt so
starke Meinungen zu Wölfen, aber das meiste basiert nicht auf
Fakten sondern auf Angst, sagt Sharee Johnson, Direktorin des
Internationalen Wolfzentrums in Ely im US-Staat Minnesota.
Eines der gängigsten Vorurteile sei, dass die Wölfe wesentlich mehr
Beutetiere reißen als nötig oder nachhaltig vertretbar. «Die Studie
auf der Isle Royale zeigt uns, das dies nicht der Fall ist. Es hält
sich im Gleichgewicht», sagt Johnson. Doch die Auswirkungen des
Klimawandels haben das Gleichgewicht durcheinandergebracht.
Peterson und Vucetich hoffen, dass sich die Elche langfristig an
höhere Temperaturen gewöhnen werden. (John Fles, AP)