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Wir sind in einem schwedischen Wald. Es ist das Jahr 2110, und
wir mussten Eintritt dafür bezahlen. Auf Kniehöhe hüpfen kleine
braune Felltiere mit großen Köpfen an uns vorbei. Hunde? Nein. „Das
sind Elche. Sie waren früher sehr, sehr groß. Riesengroß. Viele
Touristen, viele Deutsche, kamen. Sie wollten sie sehen. Dann wurde
es wärmer. Wenige überlebten. Der Rest schrumpfte. Das da ist der
Rest“, erklärt der Waldeigentümer und zeigt etwas angewidert auf
die Kleinen.
Ein solches Zukunftsszenario halten schwedische Tierforscher heute
tatsächlich für wahrscheinlich. „Der Klimawandel kann Schwedens
Elchbestand bereits in 100 Jahren zu starker Schrumpfung und auch
zum Aussterben bringen“, warnt Professor Göran Ericcson von der
anerkannten Agraruniversität Umeå. Klimaforscher rechnen, abhängig
von den Zuwachsraten aller Treibhausgase und dem angewandten
Modell, bis 2100 mit einer Zunahme der globalen
Durchschnittstemperatur um 1,1 bis 6,4 Grad Celsius. Das wird dem
Elch zu warm werden, warnen die Forscher.
Im warmen Südschweden sind die Elche bereits viel kleiner
Von der Öffentlichkeit wird das Ganze bislang noch spöttisch
belächelt. Begleitet von Kamerateams sind die Forscher in dieser
Woche mit einem Helikopter über die nordischen, noch immer von
tiefem Schnee bedeckten Wälder bei Nikkaluokta und Kebnekaise
gereist, um die größten Elche ausfindig zu machen. Geschickt
schläferten sie die Riesen dann ein und verpassten 30 Elch-Hälsen
Funksender. Das umfangreiche und teuere Projekt namens „Icemoose“
soll mehr Einsichten bringen. Zum Elch im Klimawandel.
„Sehen Sie? Sind unsere Elche nicht hübsch? Schauen Sie genau hin.
Hier im Norden sind sie besonders groß. In 100 Jahren werden sie
eventuell gar nicht mehr existieren oder nur noch halb so groß
sein“, erklärt Ericcson dem winterlich bibbernden Presseaufgebot.
Blicke pendeln ungläubig zwischen dem rüstigen Professor und den am
Boden schlafenden Riesen hin und her. Messungen hätten ergeben,
dass Elche im wärmeren, südschwedischen Schonen im Durchschnitt nur
halb so groß sind wie die nordschwedischen, sagt er. „Unsere
Prachtexemplare hier in Norrland brauchen diesen Körperumfang, um
die Kältezeit zu überleben.“
Mit dem Funkhalsband wollen die Forscher die Elche nun genauestens
auf ihren durch die Erderwärmung verändernden Lebensweg begleiten.
Auch, um notfalls Alarm schlagen zu können. „Erst werden die Elche
vor der Wärme fliehen, noch weiter hoch nach Nordschweden. Dann
geht es auf kühlere Anhöhen. Anderenfalls werden sie schrumpfen
oder aussterben“, sagt Ericsson.
Es gab schon einmal eine elchfreie Zeit in Schweden
Es wäre nicht das erste Mal. „Wir haben Indikatoren, die zeigen,
dass Schweden bereits einmal eine völlig elchlose Periode gehabt
haben kann. Es geht da um mehrere Hundert Jahre Elchlosigkeit vor
rund 2000 Jahren. Auch damals war es hier wärmer, das ist einer
unserer Ausgangspunkte“, so Ericsson.
Die düstere Prophezeiung der Forscher hat inzwischen das ganze
Königreich erreicht. Der Elch ist eine Art Nationaltier. Nicht
offiziell. Aber er gibt Schweden im Ausland eine besondere
Identität, um die sich nun vor allem die Tourismusbranche sorgt.
Zudem ist die Jagd ein Volkssport im Lande. Gerade Elche sind das
Hauptziel und werden zum Oster- oder Weihnachtsfest verspeist.
Bislang gab es immer genug Tiere. Sorgen machte man sich eher um
die degenerierten Wölfe.
Die Elchforscher ernten aber auch Spott. Gibt es nichts
Wichtigeres, für das Geld ausgegeben werden sollte?, fragen
erzürnte Schweden. Zudem gebe es auch andere Gründe, warum Elche im
dichtbevölkerten Südschweden kleiner sind, wendet ein Jäger ein.
Schließlich würden dort mehr Elche erlegt. Und als Jäger sei es
klar, dass man sich stets möglichst große Elche vorknöpft.
Das Thema Elchschrumpfung beim anstehenden Klimagipfel in Mexico
aufzugreifen, halten schwedische Regierungsvertreter denn auch noch
für etwas verfrüht.