14.07. - Elch, Flugzeug und Bär - Erlebnisse am Alaska Highway!

geschrieben von U. C. Aschwanden

Es war Sonntag, der 14. Juli 1996. Ein sonniger und warmer Tag. Der vom Pazifik her wehende Westwind wirbelte die über dem Lande stets gegenwärtigen, mächtigen Wolkengebilde in rascher Folge ostwärts. Die dadurch permanent wechselnde Intensität des Lichtes liess die übermächtige Landschaftskulisse lebendig erscheinen. Das Wechselspiel von Schatten und Licht bewirkte, dass die entfernten hohen Gipfel der St. Elias Mountains noch mächtiger wirkten als üblich. Es war wie eine imposante und beinahe kitschig wirkende Inszenierung, ein atemberaubendes Schauspiel.

Die Nacht hatten wir in einem kleinen Motel in Haines Junction (Yukon) verbracht. Nach einem ausgiebigen Holzfäller-Frühstück, für welches mich mein Arzt sicherlich nicht beglückwünscht hätte, fuhren wir mit dem Auto auf dem Alaska Highway nordwärts. Unser Tagesziel war Tok in Alaska. Für die knapp 500 km lange Fahrt hatten wir den ganzen Tag eingeplant. Obwohl Ferienzeit war, hatten sich an jenem Tag sehr wenige für eine Fahrt auf dieser Strecke entschieden. Es herrschte gemütliche Ruhe. Einzig an den zahlreichen Strassenbaustellen wurde emsig gearbeitet. Dafür hat man Verständnis aufzubringen, denn die wenigen schneefreien Tage im Jahr müssen genutzt werden, um die zum Teil massiven Winterschäden am Strassennetz zu reparieren. Die herrliche Landschaft ist für jeden Reisenden Entschädigung genug für die gelegentlichen Behinderungen durch Baustellen. Zu dieser Jahreszeit ist der Alaska Highway von einem Blumenmeer roter Fireweed und blauer Lupinen gesäumt. Die überall wachsende Fireweed ist die "offizielle Blume" des Yukons. Ihren Namen verdankt diese Pflanze der Eigenschaft, auf von Waldbränden zerstörten Landstrichen jeweils als Pionierpflanze zu wachsen.

Wir genossen die Fahrt. Nördlich von Burwash Landing, an einer Stelle wo der Wald ausnahmsweise bis an den Highway reicht, betrat plötzlich und unerwartet ein Elch die Strasse. Ein imposant grosses und massiges Tier. Aus unmittelbarer Nähe betrachtet kommt es einem gar unendlich gross vor. Mit riesigem Glück konnten wir einen Zusammenstoss vermeiden. Nicht auszudenken was ein Crash mit diesem Tier für Folgen hätte haben können. Der Schreck fuhr uns tief in die Glieder. Nachdem unser Adrenalinschub abgeklungen war, bedankten wir uns bei allen "guten Geistern" die ihre schützende Hand über uns gehalten hatten.

Am Nachmittag passierten wir bei Port Alcan die Grenze zu Alaska. Knapp 6 km hinter der Grenze geschah es. Beim Blick in den Rückspiegel glaubte ich zu träumen. Keine siebzig Meter hinter unserem Wagen setzte ein kleines weisses Flugzeug, eine zweisitzige Piper-Cub, zur Landung auf dem Alaska Highway an. Wegen des Geschwindigkeitsunterschiedes zu unserem Auto beurteilte ich die Situation als ziemlich „heiss". Unmittelbar zu unserer Linken sah ich eine Tankstelle und verliess "fluchtartig" den Highway um eine Auffahrtskollision zu vermeiden. Doch der Pilot der Piper tat auch so. Bei der Tankstelle befinden sich nämlich auch ein kleines Motel, ein Camping und ein Food-Mart. Dorthin steuerte er sein Fluggerät. Wie uns schien, war dies für ihn eine routinemässige Sache. Nicht so für uns, denn nach dem Beinahe-Zusammenstoss mit dem Elch war dies für uns der zweite starke Adrenalinschub des Tages.

Wir holten uns im Food-Mart einen Becher Kaffee, setzten uns auf die Eingangstreppe und beobachteten das Kommen und Gehen auf dem Campingplatz. Dort befanden sich knapp ein Dutzend Wohnmobile. Die Leute waren alle sehr ruhig und entspannt. Es schien eine sonntägliche Grillparty abzulaufen. Plötzlich kam jedoch Aufregung auf. Menschen schrien, Kinder rannten davon. Was war los? Jetzt sahen wir es ebenfalls: Ein Grizzly hatte den Alaska Highway überquert, die Tankstelle erreicht und bewegte sich in Richtung Grillparty. Offensichtlich vom intensiven Geruch des gebratenen Fleisches angelockt, hatte er beschlossen, sich seinen Anteil zu holen. Jetzt ging alles sehr schnell. Zwei mit Gewehren bewaffnete Männer bestiegen eilig einen offenen Jeep und fuhren auf den Bären los. Mit lautem Gehupe trieben sie ihn vom Platz. Er flüchtete, durchquerte einen nahegelegenen Wasserlauf und verschwand im Wald. Alles geschah in sehr kurzer Zeit. Ich war so überrascht, dass ich gar nicht daran dachte diese Szenen in Bildern festzuhalten.

Noch diskutierten wir ganz aufgeregt über das Geschehene, als bereits der zweite Alarm ausgelöst wurde. Der Grizzly kam zurück. Er hatte den Fluss erneut überquert und bewegte sich zielstrebig auf die Grillstelle zu. Offensichtlich war sein Hunger grösser als die Angst vor den Menschen. Was jetzt folgte, war wie eine Szene aus einem Hollywood-Film! Ein Mann, nur mit einer Pistole bewaffnet, stellte sich dem Bären entgegen. Er lies das Tier bis auf zirka fünf Meter an sich rankommen und erschoss es dann kaltblütig mit zwei gezielten Kopfschüssen. Als wäre dies alles für ihn lediglich "all day staff" gewesen, zog er sich dann zu seinen Kollegen zurück und prostete diesen mit einem Bier zu. Einzig die Kinder schienen sich für den toten Grizzly zu interessieren. Das tote Tier wurde vorerst liegengelassen, so dass mir genügend Zeit blieb um Fotos zu machen; ein komisches Gefühl so ein mächtiges Tier in seinem Blut liegend vor sich zu sehen.

Nach Aussage eines Einheimischen war es ein dreijähriger Grizzly, offensichtlich erst kurz von seiner Mutter getrennt lebend und noch ohne eigenes Revier. Er hielt sich in der Nähe der Strasse auf, wo er nicht das Revier eines anderen Artgenossen tangierte und es für ihn einfacher war, Futter (sowie den Tod) zu finden - ein Bären-Drama! Auch in schwach besiedelten Gebieten wie Alaska kommen sich Tier und Mensch immer öfter in die Quere; langfristig führt diese Situation zum Aussterben ganzer Tierarten!

Noch fest unter dem Einfluss des Erlebten stehend, fuhren wir gegen Ende des Nachmittags weiter. Knapp 50 km weiter nördlich befindet sich, westlich von der Strasse gelegen und vollkommen abseits von allem, ein sehenswerter Trödelladen. Er nennt sich "Frontier Surplus". Hier gibt es nahezu alles zu kaufen. Army-Surplus, aber auch Waffen und Munition, schöne Wolfs- und Biberfelle, Elch- und Caribougeweihe, Kleider und Schuhe, die üblichen Getränke, sowie allerlei sonstiger Ramsch. Das Umfeld der zwei Liegenschaften präsentiert sich ähnlich chaotisch wie das Angebot im Laden. Ein Besuch lohnt sich. Liebhaber von Trödelladen kommen hier voll auf ihre Rechnung.

Am frühen Abend erreichten wir Tok, unser Tagesziel am Alaska Highway. Tok ist ein "trostloses" Strassen-Dorf mit 1400 Einwohner, welche mehrheitlich vom Durchgangsverkehr leben. Nach all den Erlebnissen dieses Tages verstehe ich heute warum dem Reisenden in Delta Junction, am Ende des Alaska Highways, gegen eine bescheidene Gebühr von $1 ein Zertifikat ausgestellt wird, welches bestätigt, "......that he has gone through the trials and tribulations to reach the end of the Alaska Highway".





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