11.07. - Moritzburg & das Pech mit den Elchen

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Auch auf den zweiten Blick: ein Suchbild. Das Wappentier des Moritzburger Wildgeheges will entdeckt werden. Die über 500 Kilo Körpergewicht, verteilt auf rund drei Meter Länge, liegen gut getarnt unter einer alten Eiche. Dösender Weise. Schön im Schatten, wo die Nachmittagshitze erträglich ist. Auf Distanz, aber in Sichtweite, Nummer zwei dieser größten in der Natur vorkommenden Hirsche. Der dritte im Bunde hat sich verzogen. Elche sind Einzelgänger. Sie müssen sich aus dem Weg gehen können. Pro Tier wird in Fachkreisen ein Gebiet von einem Hektar empfohlen. Das Gehege in Moritzburg misst knapp fünf. „Mit bewaldeten und freien Flächen, feuchten Ecken und Erhöhungen, wie es die artgemäße Haltung verlangt“, sagt Elch-Pfleger Matthias Barton. Er bereitet gerade die Fütterung vor.

Fluchtgrund unklar

Dass zwei Elche Anfang Juni über eine zwei Meter hohe Mauer ausbrachen, wirft nach wie vor Fragen auf. Das genaue Wie und Warum bleibt auch für den langjährig zuständigen Tierarzt Mathias Ehrlich unklar. Aber einzelne Hypothesen hält er für unwahrscheinlich. Zum Beispiel die, dass die Tiere sich beengt fühlten. „Das Gehege ist groß genug und für die Elchhaltung nahezu perfekt“, sagt er. Auch dass die mächtigen Tiere vor einem Wolf flüchteten, schließt er aus. Der Wolf stelle für sie keine ernsthafte Gefahr dar. Vielmehr kann sich der Veterinärmediziner vorstellen, dass der ältere Elchbulle dem Kalb zu nahe gekommen ist und das Muttertier sein Junges beschützen wollte: „Das Weibchen könnte versucht haben, den Bullen zu vertreiben.“

Ein roter Kleintraktor tuckert am Elch-Gehege entlang. Auf seinem Hänger türmt sich ein halber Wald. Delikatess-Futter, das Pfleger Matthias Barton dreimal pro Woche frisch aus der Natur rankarrt. Für seine Elche. „Ihre Hauptnahrung besteht aus Laub und Blättern“, keucht er, während er die etwa zwei Meter langen Äste im benachbarten Futter-Bereich nach unten wuchtet. Beherzt, aber bedacht. Denn die Blätter müssen sauber bleiben. Das ist schon beim Absägen und Aufladen die große Herausforderung. „Sobald sie schlammig oder staubig sind, nehmen die Tiere sie nicht mehr.“ Dann wäre seine ganze Arbeit umsonst.

Ob sein Tun von den Feinschmeckern nebenan schon verfolgt wird, ist schwer auszumachen. Das Elchweibchen und der einjährige Bulle zelebrieren auf ihren Liegeplätzen weiterhin majestätische Gelassenheit. Der andere, ältere, Bulle ist immer noch verschwunden. Sie heben nicht einmal den Kopf. Wenn überhaupt, dann beäugen sie ihn aus dem Augenwinkel. Zum Aufstehen lassen sie sich erst recht nicht bewegen. Auch durch lockende Besucher nicht. Was Matthias Barton gut findet. „Das sind keine Streicheltiere“, sagt er. „Die sind nicht handzahm – und das ist so gewollt.“

Wehrhaftes Tier

Der Pfleger respektiert sie als wehrhafte Tiere, wagt sich auch nicht zu ihnen ins Gehege. Bevor er die Futterstation in dem separaten Nebenbereich auffüllt, verriegelt er das Holztor zum Elch-Areal. Die Äste haben sich während der Fahrt auf dem Hänger verkeilt. Sie jetzt zu entzerren, grenzt an Schinderei. Matthias Barton stellt sie alle einzeln in ein Holzgestell. Das muss gut gefüllt sein, damit sie straff drinstecken und nicht nach unten rutschen. „Elche nehmen Blätter nur aus einer bestimmten Höhe“, sagt er. Mit ihrer großen, überhängenden Oberlippe streifen sie das Grüne ab. Wildkirsche, Stileiche, Hainbuche, Roteiche – der Pfleger achtet auf Abwechslung. Und kennt die Vorlieben seiner Schützlinge: „Erle, Buche und Linde mögen unsere Elche nicht so gern.“

Die aufwändige Ernährung ist der Hauptgrund dafür, dass Elche in Gefangenschaft als schwierig zu halten gelten.

„Diesen Arbeitsumfang, den wir betreiben, kann sich nicht jede Einrichtung leisten“, sagt der Elch-Pfleger. Das Moritzburger Wildgehege beherbergt seit mehr als vierzig Jahren Elche. Unzählige Junge sind hier gesund zur Welt gekommen und groß geworden. Eine Profilierung: „In Deutschland sind es keine zwei Dutzend Einrichtungen, die diese Tiere haben“, weiß Gehege-Leiter Rüdiger Juffa. „Diese Seltenheit macht sie zu etwas Besonderem.“ Nicht zuletzt auch deshalb hat das Wildgehege den Elch als Wappentier gewählt. Wohl wissend, dass die Riesenhirsche im Gehege anfälliger für Krankheitserreger sind.

Die Blättermahlzeit ist angerichtet. Matthias Barton verlässt das kleine Futtergehege, schließt das Tor hinter sich und öffnet von außen den Zugang des richtigen Elch-Geheges zu diesem Delikatess-Bereich. „Na komm“, ruft er die beiden Faulenzer. Keine Reaktion. „Als Wiederkäuer haben die ihren Rhythmus - und jetzt scheinbar keinen Knast“, analysiert er die Lage. Dann endlich. Der Jüngste ist neugierig geworden. Aber bevor er den kurzen Spaziergang nach nebenan auf sich nimmt, schaut er noch mal in den allzeit zugänglichen Tontrögen im Gehege nach dem kulinarischen Stand der Dinge: Die Möhren, Elchpellets und das Kraftfutter kennt er schon. Also langsamen Schrittes zu den frischen Ästen. Seine Mutter folgt ihm nach.

Artfremdes Verhalten

Sie war es, die gemeinsam mit dem älteren Bullen vor einem Monat aus dem Gehege ausbrach. Und ihr Kalb zurückließ, dem damit über Stunden die lebensnotwendige Milch fehlte. Ein für Elchweibchen absolut artfremdes Verhalten, das auch dem Gehege-Tierarzt Mathias Ehrlich Rätsel aufgibt. Er hält zwei alternative Erklärungen für möglich: „Es könnte sein, dass sich das Weibchen aufgrund der Gehegehaltung gestört verhalten hat. Oder es hat gespürt, dass das Junge krank ist.“ Auch in der Natur lassen Muttertiere ihr Kalb zurück, wenn sie merken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Für diese These des krankheitsbedingten Vernachlässigens spricht auch, dass das Kalb bei dem Versuch der Flaschenaufzucht keinen Saugreflex zeigte. Schon im vergangenen Jahr büßte dieses Elchweibchen Nachwuchs ein. „Das Jungtier hatte einen Wirbelsäulenschaden“, erinnert sich Pfleger Barton. Dass damals auch zwei Kälber eines anderen Weibchens starben, führt er auf unglückliche, aber natürliche Umstände zurück. „Das Muttertier war schon alt und hatte einfach keine Milch.“

Da ein Zupfen, dort ein Ziehen. Die Blätter scheinen zu munden. Für ihre gemächlichen Elchverhältnisse stürzen sich die beiden Tiere regelrecht auf das saftige Mahl. Matthias Barton lächelt zufrieden, während er das ruhige Schauspiel verfolgt. „Es ist elchtypisch, dass sie so schlank sind“, sagt er. „Der Fellzustand zeigt, dass sie gesund sind.“ Bei einem Rundgang macht er die vermisste Nummer drei ausfindig. Diesseits der Mauer.





Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 17.07.2011