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Auch auf den zweiten Blick: ein Suchbild. Das Wappentier des
Moritzburger Wildgeheges will entdeckt werden. Die über 500 Kilo
Körpergewicht, verteilt auf rund drei Meter Länge, liegen gut
getarnt unter einer alten Eiche. Dösender Weise. Schön im Schatten,
wo die Nachmittagshitze erträglich ist. Auf Distanz, aber in
Sichtweite, Nummer zwei dieser größten in der Natur vorkommenden
Hirsche. Der dritte im Bunde hat sich verzogen. Elche sind
Einzelgänger. Sie müssen sich aus dem Weg gehen können. Pro Tier
wird in Fachkreisen ein Gebiet von einem Hektar empfohlen. Das
Gehege in Moritzburg misst knapp fünf. „Mit bewaldeten und freien
Flächen, feuchten Ecken und Erhöhungen, wie es die artgemäße
Haltung verlangt“, sagt Elch-Pfleger Matthias Barton. Er bereitet
gerade die Fütterung vor.
Fluchtgrund unklar
Dass zwei Elche Anfang Juni über eine zwei Meter hohe Mauer
ausbrachen, wirft nach wie vor Fragen auf. Das genaue Wie und Warum
bleibt auch für den langjährig zuständigen Tierarzt Mathias Ehrlich
unklar. Aber einzelne Hypothesen hält er für unwahrscheinlich. Zum
Beispiel die, dass die Tiere sich beengt fühlten. „Das Gehege ist
groß genug und für die Elchhaltung nahezu perfekt“, sagt er. Auch
dass die mächtigen Tiere vor einem Wolf flüchteten, schließt er
aus. Der Wolf stelle für sie keine ernsthafte Gefahr dar. Vielmehr
kann sich der Veterinärmediziner vorstellen, dass der ältere
Elchbulle dem Kalb zu nahe gekommen ist und das Muttertier sein
Junges beschützen wollte: „Das Weibchen könnte versucht haben, den
Bullen zu vertreiben.“
Ein roter Kleintraktor tuckert am Elch-Gehege entlang. Auf seinem
Hänger türmt sich ein halber Wald. Delikatess-Futter, das Pfleger
Matthias Barton dreimal pro Woche frisch aus der Natur rankarrt.
Für seine Elche. „Ihre Hauptnahrung besteht aus Laub und Blättern“,
keucht er, während er die etwa zwei Meter langen Äste im
benachbarten Futter-Bereich nach unten wuchtet. Beherzt, aber
bedacht. Denn die Blätter müssen sauber bleiben. Das ist schon beim
Absägen und Aufladen die große Herausforderung. „Sobald sie
schlammig oder staubig sind, nehmen die Tiere sie nicht mehr.“ Dann
wäre seine ganze Arbeit umsonst.
Ob sein Tun von den Feinschmeckern nebenan schon verfolgt wird, ist
schwer auszumachen. Das Elchweibchen und der einjährige Bulle
zelebrieren auf ihren Liegeplätzen weiterhin majestätische
Gelassenheit. Der andere, ältere, Bulle ist immer noch
verschwunden. Sie heben nicht einmal den Kopf. Wenn überhaupt, dann
beäugen sie ihn aus dem Augenwinkel. Zum Aufstehen lassen sie sich
erst recht nicht bewegen. Auch durch lockende Besucher nicht. Was
Matthias Barton gut findet. „Das sind keine Streicheltiere“, sagt
er. „Die sind nicht handzahm – und das ist so gewollt.“
Wehrhaftes Tier
Der Pfleger respektiert sie als wehrhafte Tiere, wagt sich auch
nicht zu ihnen ins Gehege. Bevor er die Futterstation in dem
separaten Nebenbereich auffüllt, verriegelt er das Holztor zum
Elch-Areal. Die Äste haben sich während der Fahrt auf dem Hänger
verkeilt. Sie jetzt zu entzerren, grenzt an Schinderei. Matthias
Barton stellt sie alle einzeln in ein Holzgestell. Das muss gut
gefüllt sein, damit sie straff drinstecken und nicht nach unten
rutschen. „Elche nehmen Blätter nur aus einer bestimmten Höhe“,
sagt er. Mit ihrer großen, überhängenden Oberlippe streifen sie das
Grüne ab. Wildkirsche, Stileiche, Hainbuche, Roteiche – der Pfleger
achtet auf Abwechslung. Und kennt die Vorlieben seiner Schützlinge:
„Erle, Buche und Linde mögen unsere Elche nicht so gern.“
Die aufwändige Ernährung ist der Hauptgrund dafür, dass Elche in
Gefangenschaft als schwierig zu halten gelten.
„Diesen Arbeitsumfang, den wir betreiben, kann sich nicht jede
Einrichtung leisten“, sagt der Elch-Pfleger. Das Moritzburger
Wildgehege beherbergt seit mehr als vierzig Jahren Elche. Unzählige
Junge sind hier gesund zur Welt gekommen und groß geworden. Eine
Profilierung: „In Deutschland sind es keine zwei Dutzend
Einrichtungen, die diese Tiere haben“, weiß Gehege-Leiter Rüdiger
Juffa. „Diese Seltenheit macht sie zu etwas Besonderem.“ Nicht
zuletzt auch deshalb hat das Wildgehege den Elch als Wappentier
gewählt. Wohl wissend, dass die Riesenhirsche im Gehege anfälliger
für Krankheitserreger sind.
Die Blättermahlzeit ist angerichtet. Matthias Barton verlässt das
kleine Futtergehege, schließt das Tor hinter sich und öffnet von
außen den Zugang des richtigen Elch-Geheges zu diesem
Delikatess-Bereich. „Na komm“, ruft er die beiden Faulenzer. Keine
Reaktion. „Als Wiederkäuer haben die ihren Rhythmus - und jetzt
scheinbar keinen Knast“, analysiert er die Lage. Dann endlich. Der
Jüngste ist neugierig geworden. Aber bevor er den kurzen
Spaziergang nach nebenan auf sich nimmt, schaut er noch mal in den
allzeit zugänglichen Tontrögen im Gehege nach dem kulinarischen
Stand der Dinge: Die Möhren, Elchpellets und das Kraftfutter kennt
er schon. Also langsamen Schrittes zu den frischen Ästen. Seine
Mutter folgt ihm nach.
Artfremdes Verhalten
Sie war es, die gemeinsam mit dem älteren Bullen vor einem Monat
aus dem Gehege ausbrach. Und ihr Kalb zurückließ, dem damit über
Stunden die lebensnotwendige Milch fehlte. Ein für Elchweibchen
absolut artfremdes Verhalten, das auch dem Gehege-Tierarzt Mathias
Ehrlich Rätsel aufgibt. Er hält zwei alternative Erklärungen für
möglich: „Es könnte sein, dass sich das Weibchen aufgrund der
Gehegehaltung gestört verhalten hat. Oder es hat gespürt, dass das
Junge krank ist.“ Auch in der Natur lassen Muttertiere ihr Kalb
zurück, wenn sie merken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Für diese
These des krankheitsbedingten Vernachlässigens spricht auch, dass
das Kalb bei dem Versuch der Flaschenaufzucht keinen Saugreflex
zeigte. Schon im vergangenen Jahr büßte dieses Elchweibchen
Nachwuchs ein. „Das Jungtier hatte einen Wirbelsäulenschaden“,
erinnert sich Pfleger Barton. Dass damals auch zwei Kälber eines
anderen Weibchens starben, führt er auf unglückliche, aber
natürliche Umstände zurück. „Das Muttertier war schon alt und hatte
einfach keine Milch.“
Da ein Zupfen, dort ein Ziehen. Die Blätter scheinen zu munden. Für
ihre gemächlichen Elchverhältnisse stürzen sich die beiden Tiere
regelrecht auf das saftige Mahl. Matthias Barton lächelt zufrieden,
während er das ruhige Schauspiel verfolgt. „Es ist elchtypisch,
dass sie so schlank sind“, sagt er. „Der Fellzustand zeigt, dass
sie gesund sind.“ Bei einem Rundgang macht er die vermisste Nummer
drei ausfindig. Diesseits der Mauer.