11.06. - Fotostopp für Elch und Rentier

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Ein Warnpfiff gellt, Bremsen quietschen. "Rentiere auf den Gleisen", ruft Mona, die Zugbegleiterin, ins Mikrofon. Die Fahrgäste stürzen ans Fenster, doch die hellen, stummelschwänzigen Hinterteile verschwinden gerade im Wald. Kurz darauf zuckelt die Bahn weiter. Neben den Gleisen biegen sich lila Weidenröschen im Wind. Ab und zu öffnet der Wald seinen Vorhang und gibt den Blick frei auf kristallklare Seen, über denen Schäfchenwolken schweben. Die Rentier-Show wiederholt sich mehrmals am Tag. Wer sich neben Johan Masgård im "Cockpit" niederlässt, sieht mit etwas Glück auch Bären und Elche, und zwar von vorn. "Ich habe hier immer den besten Platz", sagt der Eisenbahner in sechster Generation. Normalerweise sitzt er als Manager im Büro des Unternehmens und schreibt Dienstpläne. Aber wenn ein Mitarbeiter ausfällt, springt er gern selbst ein. "Das ist für mich entspannend, wie Urlaub. Ich brauche nur Gas und Bremse, fahre den ganzen Tag durch grandiose Natur und sehe wilde Tiere in ihrem Lebensraum", schwärmt er und streicht sich mit der Hand durch den braunen Bart. Und immer freut er sich, wenn Fahrgäste auf einen Plausch zu ihm ins Führerhaus kommen.

Von Mittsommer bis Ende August rollt die "Inlandsbanan" einmal täglich durch die Seele Lapplands. 1907-1939 wurde die 1300 Kilometer lange Eisenbahnstrecke vom südlich gelegenen Kristineham bis über den Polarkreis hinaus nach Gällivare gebaut, um Soldaten nach Nordschweden zu bringen und um Holz, Wasser und Erz zu befördern. Bald überholte das Auto die Bahn, sodass die Züge in den neunziger Jahren fast ausschließlich Holz transportierten. Dann sollte die Bahn ganz stillgelegt werden, doch Proteste der Anwohner verhinderten dies. Seit einigen Jahren entwickelt sich nun der Bummelzug zum immer beliebteren Verkehrsmittel für Urlaubsreisende.

In den Waggons, die von einer Diesellok gezogen werden, räkeln sich die Passagiere auf blau gepolsterten Sitzen. Rote Vorhänge schmücken die Fensterscheiben, vor jedem Sitz befindet sich ein kleiner Plastiktisch zum Ausklappen. Auf dem Linoleumfußboden liegt der Mischlingshund des Sitznachbarn und schnarcht. Zum Glück hat die Bahn den Anschluss an die moderne ICE-Welt verpasst. In welchem Schnellzug kann man noch zum Winken die Fenster öffnen, zwischen zwei Stationen mitten in der Landschaft aussteigen oder den Fahrer um einen Fotostopp bitten?

Die Sehenswürdigkeiten liegen links und rechts am Wegesrand, und jeder kann selbst wählen, welche er näher anschauen möchte: Für die einen ist es vielleicht die schneeweiße Holzkirche in Arjeplog, für andere das in der Nähe gelegene Silbermuseum. In Östersund laden Schauspieler in perfekter Verkleidung im Jamtli Erlebnismuseum zu einer Art Realityshow ein, die im Jahr 1895 spielt. In Orrviken, 20 Busminuten weiter westlich, weckt der "Moose Garden" ein Herz für Elche. Hier lässt sich der König der Wälder streicheln und füttern. Aber das wohl bestechendste Tier Schwedens wartet im Mückenmuseum in Gällivare auf den Besucher.

Die Bahn fährt einmal täglich in beiden Richtungen. Drei Tage ist sie unterwegs, bis sie an ihrem Endbahnhof ankommt. Doch jeder Reisende kann seine Reise individuell zusammenstellen, übernachten, wo es ihm gefällt und mit dem Zug am nächsten Tag weiterfahren. Die Zugbegleiter geben unterwegs nützliche Informationen, buchen Übernachtungen in Hotels oder im Zeltlager bei einer samischen Familie, haben Tipps für Wanderer parat, wo diese ihre Wasserflaschen auffüllen können, verteilen Polarkreis-Überschreitungsurkunden und beraten bei der Essensauswahl. 18 Haltestellen gibt es, 70 Gerichte verspricht die Speisekarte. Im Zug wird bestellt, am Bahnsteig an Holztischen gepicknickt: Sandwiches, Rentierburger und Moltebeerengebäck. Später im Restaurant serviert der Kellner Elcheintopf oder Pitepalt, einen heißen, mit Speck gefüllten Hefekloß.

Am Nachmittag bummelt die rote Bahn an der "letzten Wildnis Europas", so die Eigenwerbung, vorbei. Unter dem Namen Laponia kürte die Unesco die Nationalparks Storasjöfallet, Padjelanta, Muddus sowie die Naturreservate Sjauna und Stubba zum Welterbe. Am Abendhimmel gleiten Auerhähne Richtung Sonnenuntergang. Das Land wird flacher, der Pflanzenwuchs immer spärlicher. Vom Wind gepeitschte Krüppelkiefern stellen sich tapfer den Böen entgegen, und am Horizont ragen die schneebedeckten Gipfel des mehr als 2000 Meter hohen Sarekgebirges wie Fingerhüte hervor. Einfach aussteigen, das Zelt aufschlagen und die unendlich scheinende Weite genießen - das Jedermannsrecht macht auch das möglich. Die Zeltschläfer kommen sich dabei garantiert nicht ins Gehege. In der Provinz Norrbotten leben weniger als drei Menschen auf einem Quadratkilometer. Dafür wohnen umso mehr Elche, Wölfe und Vielfraße in den Fichtenwäldern.

Immer öfter muss Johan bremsen, weil Rentiere zwischen den Gleisen grasen und besonders gegen Abend auch mal Elche hinüberstaksen. Sein Wunsch ist es, im nächsten Jahr die Ausstattung im Zug zu ergänzen. Eine Webcam im "Cockpit" soll die Aussicht vom besten Platz im Zug auf Bildschirme in den Waggons übertragen. Dann könnten die Reisenden entspannt sitzen bleiben, wenn es heißt: "Rentiere auf den Gleisen!"





Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 17.12.2008