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Ein Warnpfiff gellt, Bremsen quietschen. "Rentiere auf den Gleisen", ruft
Mona, die Zugbegleiterin, ins Mikrofon. Die Fahrgäste stürzen ans Fenster, doch
die hellen, stummelschwänzigen Hinterteile verschwinden gerade im Wald. Kurz
darauf zuckelt die Bahn weiter. Neben den Gleisen biegen sich lila Weidenröschen
im Wind. Ab und zu öffnet der Wald seinen Vorhang und gibt den Blick frei auf
kristallklare Seen, über denen Schäfchenwolken schweben. Die Rentier-Show
wiederholt sich mehrmals am Tag. Wer sich neben Johan Masgård im "Cockpit"
niederlässt, sieht mit etwas Glück auch Bären und Elche, und zwar von vorn. "Ich
habe hier immer den besten Platz", sagt der Eisenbahner in sechster Generation.
Normalerweise sitzt er als Manager im Büro des Unternehmens und schreibt
Dienstpläne. Aber wenn ein Mitarbeiter ausfällt, springt er gern selbst ein.
"Das ist für mich entspannend, wie Urlaub. Ich brauche nur Gas und Bremse, fahre
den ganzen Tag durch grandiose Natur und sehe wilde Tiere in ihrem Lebensraum",
schwärmt er und streicht sich mit der Hand durch den braunen Bart. Und immer
freut er sich, wenn Fahrgäste auf einen Plausch zu ihm ins Führerhaus kommen.
Von Mittsommer bis Ende August rollt die "Inlandsbanan" einmal täglich
durch die Seele Lapplands. 1907-1939 wurde die 1300 Kilometer lange
Eisenbahnstrecke vom südlich gelegenen Kristineham bis über den Polarkreis
hinaus nach Gällivare gebaut, um Soldaten nach Nordschweden zu bringen und um
Holz, Wasser und Erz zu befördern. Bald überholte das Auto die Bahn, sodass die
Züge in den neunziger Jahren fast ausschließlich Holz transportierten. Dann
sollte die Bahn ganz stillgelegt werden, doch Proteste der Anwohner verhinderten
dies. Seit einigen Jahren entwickelt sich nun der Bummelzug zum immer
beliebteren Verkehrsmittel für Urlaubsreisende.
In den Waggons, die von
einer Diesellok gezogen werden, räkeln sich die Passagiere auf blau gepolsterten
Sitzen. Rote Vorhänge schmücken die Fensterscheiben, vor jedem Sitz befindet
sich ein kleiner Plastiktisch zum Ausklappen. Auf dem Linoleumfußboden liegt der
Mischlingshund des Sitznachbarn und schnarcht. Zum Glück hat die Bahn den
Anschluss an die moderne ICE-Welt verpasst. In welchem Schnellzug kann man noch
zum Winken die Fenster öffnen, zwischen zwei Stationen mitten in der Landschaft
aussteigen oder den Fahrer um einen Fotostopp bitten?
Die
Sehenswürdigkeiten liegen links und rechts am Wegesrand, und jeder kann selbst
wählen, welche er näher anschauen möchte: Für die einen ist es vielleicht die
schneeweiße Holzkirche in Arjeplog, für andere das in der Nähe gelegene
Silbermuseum. In Östersund laden Schauspieler in perfekter Verkleidung im Jamtli
Erlebnismuseum zu einer Art Realityshow ein, die im Jahr 1895 spielt. In
Orrviken, 20 Busminuten weiter westlich, weckt der "Moose Garden" ein Herz für
Elche. Hier lässt sich der König der Wälder streicheln und füttern. Aber das
wohl bestechendste Tier Schwedens wartet im Mückenmuseum in Gällivare auf den
Besucher.
Die Bahn fährt einmal täglich in beiden Richtungen. Drei Tage
ist sie unterwegs, bis sie an ihrem Endbahnhof ankommt. Doch jeder Reisende kann
seine Reise individuell zusammenstellen, übernachten, wo es ihm gefällt und mit
dem Zug am nächsten Tag weiterfahren. Die Zugbegleiter geben unterwegs nützliche
Informationen, buchen Übernachtungen in Hotels oder im Zeltlager bei einer
samischen Familie, haben Tipps für Wanderer parat, wo diese ihre Wasserflaschen
auffüllen können, verteilen Polarkreis-Überschreitungsurkunden und beraten bei
der Essensauswahl. 18 Haltestellen gibt es, 70 Gerichte verspricht die
Speisekarte. Im Zug wird bestellt, am Bahnsteig an Holztischen gepicknickt:
Sandwiches, Rentierburger und Moltebeerengebäck. Später im Restaurant serviert
der Kellner Elcheintopf oder Pitepalt, einen heißen, mit Speck gefüllten
Hefekloß.
Am Nachmittag bummelt die rote Bahn an der "letzten Wildnis
Europas", so die Eigenwerbung, vorbei. Unter dem Namen Laponia kürte die Unesco
die Nationalparks Storasjöfallet, Padjelanta, Muddus sowie die Naturreservate
Sjauna und Stubba zum Welterbe. Am Abendhimmel gleiten Auerhähne Richtung
Sonnenuntergang. Das Land wird flacher, der Pflanzenwuchs immer spärlicher. Vom
Wind gepeitschte Krüppelkiefern stellen sich tapfer den Böen entgegen, und am
Horizont ragen die schneebedeckten Gipfel des mehr als 2000 Meter hohen
Sarekgebirges wie Fingerhüte hervor. Einfach aussteigen, das Zelt aufschlagen
und die unendlich scheinende Weite genießen - das Jedermannsrecht macht auch das
möglich. Die Zeltschläfer kommen sich dabei garantiert nicht ins Gehege. In der
Provinz Norrbotten leben weniger als drei Menschen auf einem Quadratkilometer.
Dafür wohnen umso mehr Elche, Wölfe und Vielfraße in den Fichtenwäldern.
Immer öfter muss Johan bremsen, weil Rentiere zwischen den Gleisen
grasen und besonders gegen Abend auch mal Elche hinüberstaksen. Sein Wunsch ist
es, im nächsten Jahr die Ausstattung im Zug zu ergänzen. Eine Webcam im
"Cockpit" soll die Aussicht vom besten Platz im Zug auf Bildschirme in den
Waggons übertragen. Dann könnten die Reisenden entspannt sitzen bleiben, wenn es
heißt: "Rentiere auf den Gleisen!"