10.03. - Das Sensibelchen unter den Tieren

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Wenn sich ein ausgewachsener Elch bewegt, so wirkt sein Gang schwebend, elegant, irgendwie zerbrechlich. Einst war er auch im Barnim heimisch, doch ist sein Wohlbefinden in den hiesigen von Straßen durchkreuzten Wäldern genauso zerbrechlich, wie sein Gang erscheint. Im Wildpark Schorfheide sind zwei Elche zu Hause.


Schmatz. Der rotwangige Apfel verschwindet unter der vorgewölbten weichen Oberlippe der Elchkuh. Gemächlich frisst sich Lilly durch den Trog, in dem sich Äpfel, Möhren und Trockenfutter häuft. Mit den großen braunen Augen schaut sie selten aufs Fressen, ihre Ohren drehen sich in verschiedene Richtungen. Sie ist aufmerksam. Immer. „Elche sind Fluchttiere“, erklärt Imke Heyter, Geschäftsführerin des Wildparks Schorfheide. Immer wieder spricht sie zwischen den erklärenden Sätzen beruhigend auf das Tier ein. „Wir können auch nicht sicher sein, ob Lilly trächtig ist.“ Die Elchkuh wird zu jeder Zeit in etwa so „schlank“ sein wie ihre Artgenossen. „Wenn sie angegriffen wird, kann sie genauso schnell flüchten wie die anderen.“ Ein natürlicher Schwangerschaftsschutz, sozusagen.

Neben ihr im Futterhaus steht Moritz. Der Elchhirsch ist noch ein Jüngling – auch deshalb ist sich Heyter nicht sicher, ob Lilly Ende April einen kleinen Elch bekommt. Oder zwei kleine Elche, denn sie hatte bereits dreimal Zwillinge. „Er hat ein paar Anläufe unternommen, aber er ist noch jung und unerfahren.“ In der Brunft hat es ihn nicht mehr in seinem Gehege gehalten und so wechselte er zu Lilly. Seitdem sind sie unzertrennlich.

Das Fell, das in der Frühlingssonne braun schimmert, der sanfte Blick, das friedliche Schmatzen, das alles lädt dazu ein, die Hand auszustrecken und den Kopf des Tieres zu kraulen. Doch Imke Heyters Hände bleiben hinter dem Zaun. „Der Elch ist kein Schmusetier“, sagt sie. „Wenn er sich bedroht fühlt, stellt er sich auf die Hinterbeine und versucht, einen mit den Vorderhufen zu erwischen.“ Einmal, bei der Fütterung, sah sich Heyter einer zwei Meter großen, Anlauf nehmenden Elchmutter gegenüber. „Lilly ist einen Scheinangriff auf mich gelaufen. Ich dachte, sie bricht durch den Zaun“, erzählt sie und lacht. „Sie ist eben unsere kleine Zicke.“

Elche sind normalerweise eher zurückhaltend, ängstlich. Sie sind Sensibelchen. „Stress macht sie krank, deshalb kann man sie auch nicht im Zoo halten“, sagt Heyter. „Jedenfalls nicht für lange Zeit. Sie brauchen viel Platz und Rückzugsräume“ Im Wildpark haben sie 17 Hektar zur Verfügung: Kiefern, Birken, hohe Gräser, Sumpf. Die Anfälligkeit für Stress ist auch ein Grund, warum sich Elche in Brandenburg in freier Wildbahn wohl nicht dauerhaft ansiedeln werden. Aber einige gibt es, die wandern durch und bleiben auch manchmal für längere Zeit.

Das bestätigt auch Jan Engel vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE). „In der Schorfheide wandert ein Mädel durch den Wald und sucht einen Mann“, erzählt er. „Ich habe sie drei oder viermal gesehen, aber ich verrate nicht, wo genau.“ Wenn mehrere Elche in Brandenburg sesshaft werden wollen, brauchen sie mehr, als nur Kiefern. „Sie brauchen Bruchlandschaften, von allem ein bisschen“, so Engel. Weiden, Pappeln, Ebereschen, seltener Nadelhölzer.

Doch am liebsten stellen sie sich mitten in einen See und fressen Wasserpflanzen. „Sie können ihre Nasenlöcher unter Wasser verschließen“, sagt Imke Heyter. Elche sind auch gute Schwimmer. Sie besitzen spreizbare Hufe (im Fachjargon „Schalen“) mit Schwimmhäuten dazwischen. Damit sind sie auch gut auf sumpfigen Böden unterwegs und sacken nicht ein. Bei einer halben Tonne Körpergewicht eine entscheidende Voraussetzung.

Bei der Biologin Kornelia Dubiaš vom LFE laufen die Daten über Elche in Brandenburg zusammen. Sie sieht eine mögliche Ansiedelung von den riesigen Urhirschen in der Region eher kritisch. Gemeinhin gelten Elche als „Waldverwüster“, weil sie es auf die jungen Triebe und Knospen abgesehen haben. Auch für Autofahrer sei ein Elch als Verkehrsteilnehmer ein unüberwindliches Hindernis. „Das Tier läuft nicht weg, wenn etwas brummend auf ihn zurollt“, sagt Dubiaš. „Es stellt sich wohl eher quer und wartet ab, was passiert.“

Elche werden ?schon wegen Stresses im Zoo ?nicht alt





Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 12.03.2011