22.11. - Elchtest in der Lausitz

gesehen auf www.bioblatt.de

Toke und Finnia stammen aus Neumünster – dort kamen sie zur Welt, dort lebten sie anderthalb Jahre. Seit gestern sind sie Lausitzer. Die beiden nennen ein Grundstück in der Größe von 170 Fußballfeldern ihr eigen, in abgeschiedener Lage, ungestört von Nachbarn oder Besuchern.
Toke ist ein Junge, Finnia ein Mädchen, beide sind sie Elche. Staksig erkunden sie ihr neues Zuhause, schon jetzt haben sie 1,20 Meter Widerristhöhe. In zweieinhalb Jahren sind sie ausgewachsen. Dann messen sie von Huf bis Schaufelgeweih 2,50 Meter. Und wenn sie zu den besonders stattlichen Exemplaren zählen, kann jeder bis zu 900 Kilo auf die Waage bringen.

Toke und Finnia sind nicht zum Bestaunen hier, sie dienen auch nicht dem Vergnügen oder sollen ausgewildert werden. Sie haben einen Auftrag: die Heide retten.
Dazu müssen sie nichts weiter tun, als die vielen Birken, Kiefern und Weiden, die in den vergangenen Jahren nachdem hier auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz keine Panzer mehr fahren, nachgewachsen sind, abzufressen.

Denn die stören – zumindest in diesem einmaligen Feuchtbiotop inmitten des Biosphärenreservates Oberlausitz, einem Tummelplatz für seltene Tiere und Pflanzen. Allerdings eben einer, auf dem sich zunehmend weniger seltene Arten tummeln. Schuld sind die Bäume, die die freien und offenen Heideflächen zuwuchern. Hier kann keine Orchidee und kein Sonnentau mehr überleben, Bekassinen verabschieden sich genauso wie Schnepfen und die Kraniche, die hier deutschlandweit am liebsten gerastet haben, vermissen ihre Landebahnen.

Dass gerade Elche daran etwas ändern können, ist bisher lediglich eine Vermutung.
Eine, die das Bundesforschungsministerium dazu bewogen hat, Geld locker zu machen. Für bundesweit sechs Teilprojekte – darunter der Elchtest in der Lausitz – gibt es drei Millionen Mark. Angelegt ist die Experimentphase auf drei Jahre.

Die Idee mit den Elchen hatten der Leiter des Biosphärenreservates Oberlausitzer Heide-und Teichlandschaft Peter Heyne und seine Mitarbeiter 1996 an einem Biertisch. Damals lachten sie noch selbst darüber. Doch zunehmend freundeten sie sich mehr mit dem Gedanken an. „Irgendwas musste dringend passieren, nur was, das wusste eben keiner." Also beteiligten sie sich an einer Ausschreibung und hatten Glück – 6 von 80 Projekten wurden angenommen, darunter der Elchtest.

Toke und Finnia müssen jetzt zeigen, ob sie die Lösung des Problems sind. Mit Sendern ausgestattet werden sie durch das Gelände ziehen und – so die Hoffnung – die Bäume abfressen. Könnte allerdings auch sein, dass sie sich mehr auf die Wasserpflanzen verlegen. Auch davon gibt es hier jede Menge und die schmecken Elchen für gewöhnlich sogar noch besser.

Übernächstes Jahr könnte das Pärchen bereits Nachwuchs haben. Ohnehin soll eine zweite Elchkuh den beiden später noch Gesellschaft leisten. Und selbst an Neugierige ist gedacht. Auch wenn das Gelände eigentlich nicht für Besucher geöffnet ist, plant Peter Heyne doch einige Exkursionen durch das Gebiet. „Wir wollen hier nicht im stillen Kämmerlein arbeiten sondern schon die Öffentlichkeit an dem Experiment teilhaben lassen." Etwas Glück gehört allerdings dann dazu, die Tiere in dem riesigen Gebiet zu entdecken.


Es sei denn, sie fressen die Bäume schneller ab, als erwartet. Was sie garantiert nicht vom Pflegen des Biotops abhalten wird, sind ihre sonstigen Lieblingsspeisen. Davon hat der Tierpark Neumünster gleich eine Liste mitgeschickt. In der Lausitz werden sie sich allerdings auf Birken und Weiden verlegen müssen. Das hat Axel Gebauer, Chef des Görlitzer Tierparks und Projektmitarbeiter gleich festgelegt: „Bananen? Zitrusfrüchte? Bei mir nicht!"





Kontakt, Gästebuch, Forum Update: 17.12.2008