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Toke und Finnia stammen aus Neumünster – dort kamen sie zur Welt, dort lebten
sie anderthalb Jahre. Seit gestern sind sie Lausitzer. Die beiden nennen ein
Grundstück in der Größe von 170 Fußballfeldern ihr eigen, in abgeschiedener
Lage, ungestört von Nachbarn oder Besuchern.
Toke ist ein Junge, Finnia ein
Mädchen, beide sind sie Elche. Staksig erkunden sie ihr neues Zuhause, schon
jetzt haben sie 1,20 Meter Widerristhöhe. In zweieinhalb Jahren sind sie
ausgewachsen. Dann messen sie von Huf bis Schaufelgeweih 2,50 Meter. Und wenn
sie zu den besonders stattlichen Exemplaren zählen, kann jeder bis zu 900 Kilo
auf die Waage bringen.
Toke und Finnia sind nicht zum Bestaunen hier,
sie dienen auch nicht dem Vergnügen oder sollen ausgewildert werden. Sie haben
einen Auftrag: die Heide retten.
Dazu müssen sie nichts weiter tun, als die
vielen Birken, Kiefern und Weiden, die in den vergangenen Jahren nachdem hier
auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz keine Panzer mehr fahren, nachgewachsen
sind, abzufressen.
Denn die stören – zumindest in diesem einmaligen
Feuchtbiotop inmitten des Biosphärenreservates Oberlausitz, einem Tummelplatz
für seltene Tiere und Pflanzen. Allerdings eben einer, auf dem sich zunehmend
weniger seltene Arten tummeln. Schuld sind die Bäume, die die freien und offenen
Heideflächen zuwuchern. Hier kann keine Orchidee und kein Sonnentau mehr
überleben, Bekassinen verabschieden sich genauso wie Schnepfen und die Kraniche,
die hier deutschlandweit am liebsten gerastet haben, vermissen ihre
Landebahnen.
Dass gerade Elche daran etwas ändern können, ist bisher
lediglich eine Vermutung.
Eine, die das Bundesforschungsministerium dazu
bewogen hat, Geld locker zu machen. Für bundesweit sechs Teilprojekte – darunter
der Elchtest in der Lausitz – gibt es drei Millionen Mark. Angelegt ist die
Experimentphase auf drei Jahre.
Die Idee mit den Elchen hatten der Leiter
des Biosphärenreservates Oberlausitzer Heide-und Teichlandschaft Peter Heyne und
seine Mitarbeiter 1996 an einem Biertisch. Damals lachten sie noch selbst
darüber. Doch zunehmend freundeten sie sich mehr mit dem Gedanken an. „Irgendwas
musste dringend passieren, nur was, das wusste eben keiner." Also beteiligten
sie sich an einer Ausschreibung und hatten Glück – 6 von 80 Projekten wurden
angenommen, darunter der Elchtest.
Toke und Finnia müssen jetzt zeigen,
ob sie die Lösung des Problems sind. Mit Sendern ausgestattet werden sie durch
das Gelände ziehen und – so die Hoffnung – die Bäume abfressen. Könnte
allerdings auch sein, dass sie sich mehr auf die Wasserpflanzen verlegen. Auch
davon gibt es hier jede Menge und die schmecken Elchen für gewöhnlich sogar noch
besser.
Übernächstes Jahr könnte das Pärchen bereits Nachwuchs haben.
Ohnehin soll eine zweite Elchkuh den beiden später noch Gesellschaft leisten.
Und selbst an Neugierige ist gedacht. Auch wenn das Gelände eigentlich nicht für
Besucher geöffnet ist, plant Peter Heyne doch einige Exkursionen durch das
Gebiet. „Wir wollen hier nicht im stillen Kämmerlein arbeiten sondern schon die
Öffentlichkeit an dem Experiment teilhaben lassen." Etwas Glück gehört
allerdings dann dazu, die Tiere in dem riesigen Gebiet zu entdecken.
Es sei denn, sie fressen die Bäume schneller ab, als erwartet. Was
sie garantiert nicht vom Pflegen des Biotops abhalten wird, sind ihre sonstigen
Lieblingsspeisen. Davon hat der Tierpark Neumünster gleich eine Liste
mitgeschickt. In der Lausitz werden sie sich allerdings auf Birken und Weiden
verlegen müssen. Das hat Axel Gebauer, Chef des Görlitzer Tierparks und
Projektmitarbeiter gleich festgelegt: „Bananen? Zitrusfrüchte? Bei mir
nicht!"