Neue Zürcher Zeitung, 2. Dezember 1997
Deutschlands
Innenminister und die Tücken der Sprachpflege
In Deutschland ist große Verunsicherung darüber ausgebrochen, ob der
Erfahrung noch zu vertrauen sei, dass die Sprache nachvollzieht, was sich in der
Seele festgesetzt hat. Demgemäss würden Worte und Metaphern einen Sinneswandel
widerspiegeln, der sich zuvor nicht ausdrucken ließ, sich also gleichsam wortlos
im Denken und Fühlen breitgemacht hatte. Nun aber gilt es zu vermelden, dass die
deutschen Innenminister genau das Umgekehrte zu beweisen suchen, nämlich dass
gewisse Wörter aus dem Sprach- und damit Denkwortschatz verbannt werden können,
obwohl sie Attribute höchst menschlicher Art umschreiben. Was heißt «können»?
Sie müssen aus dem Gebrauch getilgt werden, als Opfer auf dem Altar der
political correctness, die still und (un)heimlich ihren Bannwald über den heilen
Sprachdörfern errichtet.
Wer einmal wie der Schreibende nach einem
Einbruch Hunderte von Täter-Physiognomien in Polizeialben betrachten musste,
weiß, wie sinnvoll Ganzkörperphotos wären. Es könnte zum Beispiel nicht ganz
nebensächlich sein, ob das schmale Pickelgesicht sich ebenso rank nach unten
fortsetzt oder ob der Hakennasige einen Schmerbauch sein eigen nennt. Und die
kühle Blonde - welches Hosenmass sie wohl trägt? Ginge es nun nach dem erwähnten
Ministererlass, wäre ein Hinweis auf ihre stämmigen Beine vielleicht noch zu
tolerieren, nicht aber eine Beschreibung des Zwischenraums. Und so sind ab
sofort Wörter wie «vollbusig» und «flachbrüstig» aus dem Fahndungsvokabular der
Polizei zu streichen. Unter Hinweis auf die Möglichkeit sexistischer
Nebengedanken könnte man damit noch leben. Dass das erste Beispiel aber
diskriminierend gegenüber der Frau sein soll, ist schon problematischer. Denn
seit wann tragen Männer solche Rundungen?
Doch Minister haben auch
Phantasie. Zur weiteren Begründung erklären sie beschwichtigend, im Zeitalter
der Silikon-Chirurgie sei auf das Kennzeichen Brustumfang ohnehin kein Verlass
mehr. Darauf stelle ich mir vor, die Diebin, die ich gerade noch erblickte,
entziehe sich der Fahndung dadurch, dass sie flugs ihre Oberweite reduzieren
lässt... Zum Trost möge gereichen, dass auch «dicke», «dickbäuchige» oder
«dürre» Gauner inskünftig nicht mehr wegen ihrer Kontur gejagt werden dürfen.
Auch ist es nun ebenso anstössig, einen Nigerianer als «negroiden» Typ zu
bezeichnen, wie jemanden «slawisch» oder «südländisch» zu nennen. Was aber, wenn
der Nigerianer nicht nur negroid, sondern auch dick ist?
Wie man hört,
war die Genese dieser Erkenntnisse lang und windungsreich. Arbeitskreise,
Aktionsgruppen und Ämter hatten die Tabus umzingelt und ihre Empfehlungen an die
Innenminister weitergegeben. Und von denen haben sie fast alle akzeptiert.
Einzig Bayern refüsiert sie, so zitiert die «Frankfurter Allgemeine» genüsslich,
mit dem Hinweis, die neuen Fahndungsraster seien «zu grob». Vermutlich wird der
Freistaat erst dann mitziehen, wenn ein Preuße auf die Idee kommen sollte, den
Bayernlook als Merkmal auf eine Suchliste zu setzen.
Während so die
amtlich korrekte Hatz Unwort nach Unwort zur Strecke bringt, treibt ein Wildtier
immer penetranter sein Unwesen, ohne dass gegen seine Vermehrung eingeschritten
wurde: Alces alces pertinax, auf deutsch der gemeine Elch. Der Paarhufer ist in
aller Munde, seit bei einem sogenannten Elch-Test in Schweden das neueste
Produkt von Daimler-Benz auf die Nase fiel. Die Nation der besten Autobauer
fühlte sich derart gedemütigt, dass der Name in Windeseile zur Mode-Metapher
geriet, mit welcher Schrecken und Schadenfreude gesät und Glaubwürdigkeit in
Frage gestellt wird. Ja, selbst der Offenbarungseid läuft Gefahr, vom Elch-Test
verdrängt zu werden. Dieser ziert Kommentare, Glossen und Annoncen genauso wie
die Reden der Politiker, die ihn nun als Messlatte für die Kompetenz und den
Erfolg ihrer Rivalen anlegen. So geht es jetzt nicht mehr um «Hürden»,
«Prüfungen» oder «Nagelproben», sondern schlicht um das «Bestehen des
Elchtestes». Wer lügt, hat diesen genauso wenig bestanden wie jene, die betrügt.
Wer pokert, droht an ihm zu scheitern, wer vor ihm zagt, hat glatt versagt.
Werden sich, wenn das so weitergeht, schon bald wieder Arbeitskreise,
Aktionsgruppen und Ämter mit dem Elch befassen? Vielleicht dann, wenn die ersten
Amtselche zu wiehern beginnen? Oder wenn jemand auf die Idee kommen sollte, mit
dem «vollbusigen Elch» etwas doppelt Unanständiges auszudrücken? Wahrlich, das
wäre ein «dicker» Hund - aber das darf ja auch nicht mehr gesagt werden.