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Steile Felsküsten, dichte Wälder und verwunschene Fischerdörfer: Die
kanadische Atlantikinsel Cape Breton strotz vor rauer Natur. Wer ein Herz für
Seehunde, Wale und Elche hat, ist hier goldrichtig. Und auch Whisky-Liebhaber
kommen auf ihre Kosten.
Immer wieder diese Schilder. Jedem Kanada-Fan
dürften die "moose crossing"-Warntafeln ein Begriff sein. Immerhin steht der
stilisierte Elch auf gelbem Grund fast schon symbolisch für das
nordamerikanische Land. Doch wer im Sommer über die Highways von Cape Breton
Island im Norden der Provinz Nova Scotia fährt und alle paar Kilometer vor
"kreuzenden Elchen" gewarnt wird, ohne auch nur je ein Fitzelchen Fell der Tiere
zu erblicken, kommt sich schon etwas veralbert vor.
Wurden die Schilder
etwa nur für Urlauber aufgestellt? "Nein, nein", beruhigt Ann Robinson ihre
Gäste. Dass auf der Fahrt zu ihrer Bed-&-Breakfast-Unterkunft in Bucklaw am
Rande des Bras d'Or Lake keine Elche zu sehen gewesen seien, liege nur an der
Jahreszeit. Im Sommer zögen sich die Tiere in die Berge zurück. Aber im Herbst
seien Elche auch in den Wäldern um den Binnensee zugegen. "Einmal stand einer
sogar in meinem Garten", erzählt die Wirtin. Autofahrer sollten die Schilder
daher schon ernst nehmen. "Die Tiere kommen unvermittelt aus dem Wald und
bleiben mitten auf der Straße stehen." Dadurch hätten sich schon tödliche
Unfälle ereignet.
Die schönste Panoramaroute Ost-Kanadas
Wer im
Sommer auf Cape Breton Island Elche aus der Nähe sehen möchte, sollte im Cape
Breton Highlands National Park wandern gehen, empfiehlt Robinson. Der 950
Quadratkilometer große Nationalpark ist der älteste und größte in den
kanadischen Atlantikprovinzen. Einige Dutzend bedrohter Tier- und Pflanzenarten
gibt es dort. Der Weg dorthin führt vom zentral gelegenen See-Ort Baddeck
bergauf nach Nordwesten über den Cabot Trail, der - wie es heißt - schönsten
Panoramaroute Ost-Kanadas. Sie schlängelt sich in Serpentinen an der Felsküste
entlang, führt durch schroffes Hochland, durchquert dichte Wälder und passiert
kleine Fischerdörfer.
Einige Kilometer vom westlichen Parkeingang bei
Chéticamp entfernt beginnt der "Skyline"-Hiking Trail. Die rund acht Kilometer
lange Wanderroute ist auch für Anfänger gut zu bewältigen. Allein der Blick über
die Täler und auf die Küste ist den Abstecher wert. Adler ziehen ihre Kreise,
mit etwas Glück lassen sich Seehunde und Wale beobachten - und tatsächlich auch
Elche. Unkundige Beobachter halten die am Hang gegenüber äsenden Elchkühe zwar
zunächst für entlaufene Pferde. Doch der Blick durchs Fernglas lässt keinen
Zweifel, dass es sich wirklich um zwei weibliche Exemplare der größten Hirschart
handelt.
Ein paar Wegbiegungen weiter stolpern die Wanderer fast über das
männliche Pendant: Keine 20 Meter entfernt liegt ein Elchbulle wiederkäuend im
Dickicht, unbeeindruckt von den hektisch fotografierenden Urlaubern. Hin und
wieder bewegt er den Kopf samt der mächtigen Geweihschaufeln, um Fliegen zu
verscheuchen. Bis zu zwei Meter groß und 800 Kilogramm schwer können die Tiere
werden - verständlich, dass Autofahrer da gewarnt werden. Bei der Rückfahrt nach
Baddeck macht sich niemand mehr über die gelben Schilder lustig.
Manche
Einheimische sprechen noch Gälisch
Baddeck war einst ein Zentrum des
Bootbaus. Heute starten in seinem Hafen Chartertörns. Vom Blick auf den See war
offenbar auch Alexander Graham Bell angetan. Der Erfinder des Telefons besaß in
Baddeck ein Sommerhaus und experimentierte auf dem Bras d'Or Lake bis zu seinem
Tod im Jahr 1922 unter anderem mit dem Bau von Tragflügelbooten. Im Museum in
Baddeck sind einige der Prototypen sowie viele weitere Erfindungen Bells
ausgestellt.
Um mehr über die Geschichte Cape Bretons zu erfahren, bieten
sich von Baddeck aus zwei Ausflüge an: nach Südwesten über den Ceilidh Trail und
nach Südosten zur Fortress of Louisbourg. Erinnerte schon die Landschaft auf dem
Cabot Trail an die schottischen Highlands, erhalten Urlauber auf dem Ceilidh
Trail Gewissheit, dass sie sich in "Neuschottland" befinden: Die Route führt
durch altes schottisches Siedlungsgebiet, in dem noch vereinzelt Gälisch zu
hören ist und wo bei Festivals schottische Folklore gepflegt wird. Außerdem
steht bei Mabou die einzige Single-Malt-Whisky-Destillerie
Kanadas.
Dagegen tauchen Urlauber in Louisbourg in die Geschichte der
französischen Siedler Cape Bretons ein und können Näheres über das Hin und Her
zwischen französischen und neu-englischen Siedlern im 18. Jahrhundert erfahren.
Der Ort mit befestigten Hafenanlagen war damals das Macht- und Handelszentrum
der Franzosen in der Neuen Welt, heute ist er das größte Museumsdorf
Kanadas.
Bei der Rückfahrt nach Baddeck führt die Route durch
Whycocomagh, eines der vier Reservate, in denen heute die Ureinwohner Cape
Bretons, die Mi'kmaq leben. In einem Laden werden Souvenirs angeboten:
geflochtene Körbe, handgefertigter Silberschmuck - und ein ausgestopfter
Elchkopf. "Selbst geschossen", sagt der Ladenbesitzer. Die Mi'kmaq sind die
einzige Bevölkerungsgruppe, der die kanadische Regierung noch die Elchjagd
gestattet.